Frühere Aktivitäten

In der Studiengruppe "Literatur – Narrativität – Diskurs" kommen Promovierende, Postdocs und Projektleiter aus der Slavistik, der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie der Geschichtswissenschaft zusammen. Im Fokus der gemeinsamen Arbeitstreffen stehen literarische Diskurse und Textpraktiken ost-, ostmittel- und südosteuropäischer Autorinnen und Autoren vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute.

Aktivitäten im Kalenderjahr 2017:

Die Aktivitäten der Studiengruppe "Literatur – Narrativität – Diskurs" waren vom Wintersemester 2016/17 bis Ende 2017 sehr vielfältig. Zunächst traf sich die Gruppe Ende 2016 zu einer Klausurtagung in Utting. Am Ufer des Ammersees präsentierten Mitglieder den aktuellen Stand ihrer Forschungsprojekte anhand von Textauszügen. In der kleinen Runde konnte man sich detailliert über Fortschritte und Probleme austauschen und ausführliches Feedback bekommen. Die angenehme Stimmung des malerisch gelegenen Tagungshotels trug viel zu den produktiven Diskussionen des Wochenendes bei, die auch außerhalb des Programms im Klosterstüberl und bei winterlichen Spaziergängen vertieft wurden.

Als Ausklang der Lesereihe "Auf den Spuren der Geschichte(n). Postsozialistische Erinnerungen in zeitgenössischen osteuropäischen Literaturen" lud die Studiengruppe Ende Januar zu zwei Lesungen mit der aus Kroatien stammenden und auf Deutsch schreibenden Autorin Marica Bodrožić ein. Den Auftakt bildete die Regensburger Veranstaltung, die in einem intimen Rahmen in der Buchhandlung Dombrowsky stattfand. Die Autorin las aus dem bereits 2014 erschienenen Erinnerungstext "Mein weißer Frieden" und gab im Anschluss persönliche Einblicke in ihre von den Kriegen der 1990er-Jahre geprägte Familiengeschichte. Bodrožićs Kommentare offenbarten eine kritische Haltung zur Aufnahme ihres Werkes und der aktuellen Gedächtnispolitik in Kroatien. Am nächsten Tag setzte sich die Diskussion im Münchner Literaturhaus fort, wo die Autorin ihren neuen Roman Das Wasser unserer Träume (2016) vorstellte. Im Gegensatz zum Vorabend, als das Politische im Fokus stand, wurde im Gespräch mit Prof. Dr. Riccardo Nicolosi und der Doktorandin Mara Matičević nun die Relevanz der Poesie für die Erzählkunst thematisiert. So vertritt Bodrožić das Recht der lyrischen Sprache, die Welt zu erschließen und damit neue Bedeutungsfacetten zu ermöglichen.

Für das Sommersemester 2017 gewann die Studiengruppe mit Prof. Dr. Susanne Strätling aus der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft (AVL) ein neues Mitglied und eine neue Co-Leiterin hinzu. Der Schwerpunkt der inhaltlichen Arbeit lag seit dem Sommersemester auf von den Promovierenden gestalteten Lektüresitzungen, in denen reihum relevante Primärtexte aus den eigenen Projekten besprochen wurden. Den Anfang machte Frances Jackson mit einer Einführung in Josef Horas episches Gedicht "Jan houslista" (Jan der Geiger, 1939), aus dem sie zuvor Auszüge mit einer eigens angefertigten Übersetzung zur Verfügung gestellt hatte. Die Gruppe diskutierte den allegorischen Gehalt des Textes kritisch und reflektierte vor allem dessen zyklische Ausrichtung, die sich etwa in der Naturmetaphorik erkennen ließ. Als Gast war die Bohemistin Anna Förster aus der AVL zu dieser Sitzung hinzugestoßen und trug mit ihrer Expertise zu einer gewinnbringenden Diskussion bei.

Breite Assoziationsräume eröffneten die Ausschnitte aus Terézia Moras Roman "Alle Tage" (2004), den Mara Matičević im darauffolgenden Treffen zur Diskussion stellte. Der innovative, teils filmisch wirkende Text kreist um die Geschichte eines Migranten in einer deutschen Großstadt, deren genaue Koordinaten in der Schwebe gehalten werden. Im Mittelpunkt der Sitzung stand insbesondere die außergewöhnlich polyphone Erzählsituation, in welcher verschiedene Stimmen verschmelzen und die mit der narratologischen Grundfrage "Wer spricht?" spielt. Zuletzt stellte Philipp Tvrdinić Stanisław Lems humorvolle Erzählung Kongres futurologiczny (Der futurologische Kongress, 1971) vor, in welcher der aus den Dzienniki gwiazdowe (Sterntagebücher, 1956 – 1971) bekannte Schelm Ijon Tichy unter dem Einfluss "psychemischer" Substanzen in die Zukunft reist. Zentral für die sich entspinnende Debatte war das Ende des Textes und vornehmlich die Frage nach dem ontologischen Status von Binnen- und Rahmenerzählung, also ob eine Trennung in eine realistische und eine halluzinatorische Episode aufrechterhalten werden kann.

Mit der Aufnahme neuer Promovierender und einer neuen Postdoktorandin hat sich die Studiengruppe im Wintersemester 2017 / 2018 personell, inhaltlich und disziplinär erweitert: Die Postdoktorandin Dr. Anna-Dorothea Ludewig forscht zum Thema "'Die jüdische Frau'– Verhandlungen von Weiblichkeit und Judentum in der (kultur-)zionistischen Literatur und Publizistik". Der Historiker Frederik Lange beschäftigt sich mit dem "Fluss unter der Brücke. Die Drina als ambivalenter Erinnerungsort" und die Literaturwissenschaftlerin Slata Kozakova verfasst ihre Dissertation zum Thema "Der einsame Mann, die einsame Frau. Die Krise der Geschlechter in der russischen Literatur der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts". Neu hinzugekommen ist zudem der Historiker Jeremias Schmidt, der über die "Kriegserfahrungen bayerischer Soldaten an der Ostfront des Ersten Weltkrieges, 1915 – 1918" schreibt. Für das Frühjahr 2018 ist daher zunächst eine Theoriesitzung geplant, in der das Thema "Trauma in der Literatur" eingehender betrachtet und diskutiert werden soll. — Ein Bericht von Frances Jackson, Mara Matičević und Philipp Tvrdinić

Aktivitäten im Kalenderjahr 2016:

Das Thema Postmemory war 2016 der Ausgangspunkt für die Aktivitäten der Studiengruppe. Impulsgeber war der einschlägige Aufsatz von Marianne Hirsch "The Generation of Postmemory" (2008), in dem sie die Spezifik der Bezugnahme auf den Holocaust unter den nachfolgenden Generationen beschreibt. In unseren Diskussionen überlegten wir, inwieweit sich dieses Konzept auf die Situation in postsozialistischen Ländern, in deren Literaturen verschiedene Traumata verarbeitet werden, übertragen lässt. Daran anknüpfend entwickelten wir die Lesereihe "Auf den Spuren der Geschichte(n). Postsozialistische Erinnerungen in zeitgenössischen osteuropäischen Literaturen". Zwei Autoren folgten 2016 unserer Einladung nach München, eine weitere Autorin war im Januar 2017 zu Gast.

Im Mai fand die erste Lesung mit Sergej Lebedew unter dem Titel "Erinnerungslandschaften & Spurensuchen. Die Schatten des Gulag" im Literaturhaus München statt. Lebedew setzt sich in seinen Romanen in kraftvoller und poetischer Sprache mit den verdrängten Seiten der russischen Vergangenheit auseinander. Er thematisiert die Traumata des Bürgerkriegs, des Stalinterrors und des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive der Nachgeborenen und schreibt gegen ein kollektives Vergessen in der staatlich regulierten Erinnerungspolitik des Schweigens an. Zusammen mit dem Schauspieler Thomas Lettow las Lebedew aus seinen Romanen Der Himmel auf ihren Schultern und Menschen im August. Der Dolmetscher David Drevs erleichterte die reibungslose Kommunikation zwischen Schriftsteller und Publikum.

Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse. In der Diskussion mit der Postdoc Dr. Nina Weller und der Doktorandin Marina Klyshko ging Lebedew auf verschiedene Probleme ein. Welche Unterschiede bestehen im Umgang mit der Erinnerung zwischen der Generation der Augenzeugen und den Nachkommen? Welche Rolle spielt Literatur in der Aufarbeitung der Gulag-Vergangenheit? Welche Auswirkung haben die verschwiegenen und tabuisierten Themen des kollektiven Gedächtnisses auf die heutige Gesellschaft? Diese und andere Fragen wurden nach der Lesung rege diskutiert, wie im Blog "Erinnerungskulturen" der Graduiertenschule nachzulesen ist.

Von Russland rückten wir unseren Fokus Richtung Westen auf einen südböhmischen Schriftsteller, dessen berühmtestes Werk von einem noch heiklen Kapitel der Nachkriegszeit in der Tschechoslowakei handelt. David Jan Žáks abenteuerlicher dritter Roman Návrat krále Šumavy (Die Rückkehr des Königs des Böhmerwaldes) erzählt die Lebensgeschichte Josef Hasils, eines jungen Polizisten aus der Nähe von Prachatice, der in der zweiten Hälfte der 40er Jahre zum Fluchthelfer bzw. Menschenschmuggler und später zum US-Spion wurde. Das Buch beruht auf wahren Begebenheiten. Ihm liegt eine akribische Recherche mit Archivarbeit und Zeitzeugeninterviews zugrunde. Dennoch ist es keine reine Biografie, sondern ein höchst literarischer Text, der sich auf dem schmalen Grat zwischen Fakt und Fiktion bewegt.

Wie sich bei der Lesung herausstellte, die Ende Oktober unter dem Titel "Erinnerung durch Fiktion. David Jan Žák und der König des Böhmerwaldes" im Tschechischen Zentrum München stattfand, ist sich der Autor dieser Problematik sehr wohl bewusst. Im Gespräch mit Prof. Raoul Eshelman und der Doktorandin Frances Jackson sprach er von den Schwierigkeiten, die er beim Schreiben hatte. Obwohl es bereits eine "fertige" Geschichte gab, die es zu erzählen galt, sei es nicht einfach gewesen, diese in einen tragfähigen Plot umzuwandeln. Weitere Fragen nach dem Mehrwert der Fiktion als narrative Form und der Gefahr der Heroisierung von historischen Figuren – von den potentiellen Parallelen zwischen dem im Roman dargestellten Strom von Geflüchteten und der aktuellen Flüchtlingskrise ganz zu schweigen – sorgten für eine spannende Diskussion für alle Anwesenden. Die Veranstaltungsreihe wurde im Januar 2017 mit einem Besuch von Marica Bodrožić fortgesetzt, die u. a. aus ihrem Erinnerungstext Mein weißer Frieden in Regensburg las und in München aus Das Wasser unserer Träume. — Ein Bericht von Frances Jackson, Marina Klyshko und Mara Matičević