Björn Lemke, M.A.

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Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien
Ludwig-Maximilians-Universität München
Maria-Theresia-Straße 21
D-81675 München
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Promotionsprojekt

Ökonomische Ordnungsleistungen und wirtschaftspolitische Ordnungsvorstellungen in Österreich-Ungarn 1897-1910

Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war ein ebenso ungewöhnliches wie interessantes staatliches Gebilde. Es verband Elemente einer bundesstaatlichen Ordnung mit solchen eines Staatenbundes. Die beiden im innenpolitischen Bereich weitgehend souveränen Teilstaaten hielt ein dünnes Band gemeinschaftlicher Aufgaben wie Außenpolitik und Verteidigung zusammen. Formal gestärkt wurde die Gemeinschaft durch eine Reihe "paktierter", auf intergouvernementalem Handeln beruhender Einrichtungen der Monarchie auf wirtschaftlichem Gebiet. Hierzu gehörten das Zoll- und Handelsbündnis sowie die gemeinsame Währung und Notenbank. Im politischen Alltag erwiesen sich diese – ebenso wie die Frage der Finanzierung der gemeinsamen Aufgaben – als Zankapfel zwischen beiden Teilstaaten. Eine gemeinschaftliche Aufsicht in wirtschaftlichen Fragen existierte nicht.

Angesichts dessen stellt das Projekt zwei Fragen: Welche praktischen Ordnungsleistungen erbrachte dieses institutionelle Setting zwischen ökonomischer Integration und wirtschaftspolitischer Autonomie vor dem Hintergrund der erheblichen wirtschaftlichen Unterschiede und der Nationalitätenkonflikte in der Habsburgermonarchie? Wie verhielt sich dieses Setting zu den zeitgenössischen Vorstellungen von guter ökonomischer und wirtschaftspolitischer Ordnung? Dem Projekt liegt dabei ein Verständnis von Institutionen zugrunde, das nicht nur deren sozial-regulative, sondern auch deren subjektiv-intentionale Funktionen umfasst. Institutionen beeinflussen nicht nur das gesellschaftliche Geschehen, sondern auch die korrespondierenden Sinnvorstellungen der Zeitgenossen. Dadurch wird Wirtschaftsgeschichte zugleich stärker als Kulturgeschichte gedacht. Es wird nunmehr nicht allein nach dem realökonomischen Output, sondern auch nach nicht-ökonomischen und nicht-intendierten Folgen eines bestimmten Settings ökonomischer Institutionen gefragt. Eine Arbeitshypothese des Projekts lautet, dass die Institutionen der Habsburgermonarchie ungeachtet ihrer Defizite durchaus leistungsfähig waren, aber dennoch nach den zeitgenössischen Vorstellungen von guter Ordnung zunehmend als schwach und ungenügend delegitimiert wurden. Die Quellengrundlage des Projektes bildet einerseits staatliches Archivmaterial, zum Beispiel der Handels- oder der Finanzministerien, andererseits zeitgenössisches Material mit ökonomischen und wirtschaftspolitischen Bezügen, zum Beispiel Verbandszeitschriften für die Analyse der Auseinandersetzung industrieller Verbände mit der dualistischen Wirtschaftsordnung und mit dem jeweils anderen Teilstaat.

Für das Spannungsfeld zwischen gemeinschaftlicher und gesellschaftlicher Integration einerseits und Vielfalt andererseits wurde Föderalismus häufig als mögliche politische, mit den ökonomischen Anforderungen allerdings inkompatible Lösung betrachtet. Als Teilprojekt der Emmy Noether-Nachwuchsgruppe "Vielfalt ordnen. Föderalismusvorstellungen in der Habsburgermonarchie im langen 19. Jahrhundert" lässt das Dissertationsvorhaben daher relevante Erkenntnisse zur ökonomisch orientierten Auseinandersetzung um die bestehende Ordnung der Habsburgermonarchie, aber auch zu Alternativen des Dualismus erwarten.

Curriculum Vitae

  • * 1982
  • Studium der Geschichtswissenschaft mit den Schwerpunkten Neuzeit/Moderne, der Politikwissenschaft und der Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin (2002-2012)
  • Studentischer Beschäftigter der Forschungsgruppe „Wissen, Produktionssysteme und Arbeit“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) (2006-2011)
  • Studentischer Beschäftigter, bzw. wissenschaftlicher Mitarbeiter der Projektgruppe „Globalisierung, Arbeit und Produktionssysteme“  am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) (2011-2012)
  • seit August 2012 Projektmitarbeiter des Collegium Carolinum im Rahmen der DFG-gefördeten Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe „Vielfalt ordnen. Föderalismusvorstellungen in der Habsburgermonarchie und ihren Nachfolgestaaten“; eigenes Promotionsprojekt „Ökonomische Ordnungsleistungen und wirtschaftspolitische Ordnungsvorstellungen in Österreich-Ungarn 1897–1910“
  • seit November 2014 assoziierter Doktorand der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien

Publikationen

(zusammen mit Ulrich Jürgens) Der Einfluss der europäischen Integration auf das deutsche System industrieller Beziehungen. In: Studies on North-East Asian Economies H. 8 (2010) S. 39-83, ebenfalls erschienen als Doitsu no ro-shikankei seido ni tai suru - o-shu- to-go- no eikyo-. In: Shimizu, Koichi (Hg.): Chiiki to-go- : yo-roppa no keiken to to-ajia. Okayama 2010, S. 58-84.