Daniel Schrader, M.A.

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Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien
Universität Regensburg
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D-93047 Regensburg
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Promotionsprojekt

Demokratie repräsentieren? Politische Praktiken und Sprachen russländischer Räte- und Stadtdumendelegierten in Revolution und Bürgerkrieg, 1917-1919

Die Erfahrung von Repräsentativität in der russländischen Revolution ist neben den gut erforschten sozialen Bewegungen und den noch besser erforschten Motivationen politischer Hauptdarsteller bislang deutlich zu kurz gekommen, kann aber als ein revolutionäres Massenphänomen aufgefasst werden. Kandidaten in tausenden Räten und Dumen trafen 1917 die bewusste Entscheidung, ihre Biographien nicht bloß politisch, sondern repräsentativ zu gestalten. In den Frühlingswochen der Revolution wie auch in den an Selbstständigkeit eingebüßten Versammlungen auf allen Seiten der Bürgerkriegsfront waren Abgeordnete gezwungen, sich täglich in spezifisch repräsentativen Konfliktzonen zurechtzufinden: zwischen demokratischer Legitimität und repräsentativer Distanz, zwischen Partikularinteressen und den Anforderungen umfassender ideologischer Diskurse, zwischen der Institutionalisierung von Dissens und Visionen eines Gemeinwillens. Damit waren sie mit ähnlichen Dilemmata wie ihre Kollegen in Staaten mit reicheren parlamentarischen Traditionen konfrontiert, wobei aber die radikale Dezentralisierung und sich rapide wandelnde mentale Landkarten des Imperiums Handlungsoptionen wie Konsequenzen dramatisch steigerten.

Diese Grundkonflikte um Institutionalisierungsbestrebungen in den scheinbar institutionsfeindlichsten Umbruchszeiten bieten eine ausgezeichnete Möglichkeit, den performativen Charakter von Politik näher zu untersuchen. Ich konzentriere mich dabei vergleichend auf Sitzungen städtischer Dumen und Sowjets in den Provinzzentren Samara, Saratow, Perm und Jekaterinburg und leiste mit Hilfe methodischer Werkzeuge der Kulturgeschichte des Parlamentarismus, Ethnologie, Kommunikationstheorie, biographischer Subjektivitätsforschung und Diskursanalyse eine genaue Rekonstruktion von Kommunikationssituationen. Herausgearbeitet werden sollen dabei die kommunikativen Mittel, durch welche erst politische Gemeinschaften täglich neu konstruiert, aufrechterhalten und als relevant präsentiert werden mussten: Akklamations- und Exklusionsrituale, charismatische Selbstdarstellungen und Gefolgschaftsbekundungen, kulturelle Praktiken des Koalierens und Verschränkungen zwischen dem täglichen Überredenmüssen und sinkender Gewaltschwelle. So will ich der Frage nachgehen, was es bedeutete, in Revolution, Welt- und Bürgerkrieg Demokratie zu repräsentieren und wie gerade auch die ausgehandelten Selbstentwürfe zum Erfolg undemokratischer Gesellschaftsordnungen beitrugen. 

Curriculum Vitae

Geboren in 1989 in Leningrad. Studium der Geschichte und Archäologie an der Universität zu Köln. Daneben Erfahrungen in Tutoriumsleitung sowie im Wissenschaftsjournalismus bei der Deutschen Welle. 2016 Abschluss mit einer Masterarbeit zur Konstruktion politischer Gemeinschaft unter russländischen Sozialrevolutionären bei Prof. Dr. Maike Lehmann. Im November 2016 Annahme an die Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien. Zu den Forschungsinteressen zählen Kulturgeschichte der Politik, Gesellschaftsgeschichte des späten Zarenreiches und frühen Sowjetunion sowie Subjektivitätsgeschichte und autobiographische Praktiken.