Forum Lecture Munich with Oksana Matijtschuk (Czernowitz): „aus der verzweifelten Hoffnung / daß Dichten / möglich sei“. Ahasver in der Bukowina: Verfolgung und Vertreibung im Spiegel der Lyrik von Rose Ausländer.

17.11.2014 (18:00 - 20:00)

Oksana Matijtschuk ist am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte und Literaturtheorie an der Jurij Fedkowytsch Universität Czernowitz/Tscherniwzi tätig. Sie promovierte 2010 zum Thema „Genese des poetischen Textes im Werk von Rose Ausländer“ am Taras-Schewtschenko-Institut für Literatur an der ukrainischen Akademie der Wissenschaften in Kiew.

Sie leitet die 2009 gegründete Ukrainisch-Deutsche Kulturgesellschaft Czernowitz am Zentrum Gedankendach und ist als Angestellte des Internationalen Büros der Universität für Projekte bzw. Kooperationen mit den Partnerinstitutionen aus Deutschland sowie Österreich zuständig.

 

In Kooperation mit dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V. (IKGS) an der LMU München und der Stiftung Lyrik-Kabinett.

 

Ahasvers Leidensweg im 20. Jahrhundert

Rose Ausländers Gedicht ‘Le Chaim’ und seine Textgenese

 

Die jüdisch-deutsche Dichterin aus der Bukowina Rose Ausländer gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen der Nachkriegszeit. Ihre lyrische Stimme ist auch insofern bedeutsam, als dass sie – selbst eine Überlebende des Holocaust -  trotz der schrecklichen Katastrophe an die Versöhnung glaubt und ihren Glauben an das poetische Wort nicht verliert. Diese Überzeugung, die dem Verdikt Theodor Adornos gegenübersteht, drückt sie beispielsweise in den lakonischen Zeilen ihres Gedichtes Hoffnung IV aus:

Mein

aus der Verzweiflung

geborenes Wort

aus der verzweifelten Hoffnung

daß Dichten

noch möglich sei

Le Chaim wurde in Gedichtband 36 Gerechte (1967) veröffentlicht, dem dritten Buch der Dichterin. Allein der Titel des Gedichts, Hebräisch „auf das Leben”, zeugt davon, dass die Dichterin sich unmittelbar auf eine hebräische Thematik bezieht – wie im Übrigen der Rest der Sammlung auch, die sich vom gleichnamigen Gedicht 36 Gerechte herleitet. Der intertextuelle Bezug verweist auf den Talmud und die Erzählung über die 36 Gelehrten, denen zu verdanken sei, dass die Welt trotz ihrer Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit noch immer besteht.

Die Figur des „Ahasver“ – dieser Name taucht erst in der Schlusszeile des Gedichtes auf, als „Symbolfigur der ungerechten Verfolgung des jüdischen Volkes“ (J. Kristensson) – erhält  im Lichte der Geschehnisse des 20. Jahrhunderts und der Verfolgungen durch das nationalsozialistische Regimes eine neue tragische Bedeutung. Sein Schicksal wird zum Sinnbild des kollektiven Schicksals des jüdischen Volkes. Hunderte und Tausende der Nachkommen Abrahams werden zu Vertriebenen, des Vaterlandes beraubt, erbarmungslos verfolgt und vernichtet. Es fällt nicht schwer, Parallelen zum Schicksal Rose Ausländers selbst zu ziehen, denn ihr Leben ist ein Beispiel par excellence für solch ein erzwungenes Nomadendasein.

Bei der inhaltlichen Analyse werden auch die erhaltenen Zwischenfassungen des Textes berücksichtigt, welche die Entwicklungsgeschichte des Gedichtes dokumentieren und dessen so genanntes „Dossier génétique“ bilden. Anhand dieses textgenetischen Materials lässt sich veranschaulichen, mit welcher Akribie Rose Ausländer arbeitet, an den Details feilt, sich die Sprachökonomie zum Grundsatz macht und eine Komprimiertheit der Bilder anstrebt.

Im Vortrag wird auf folgende Gedichte Bezug genommen, die von einem/er Literatursprecher/in vorgelesen werden können: „Hoffnung IV“, „36 Gerechte“, „In memoriam Chane Rauchwerger“ von Rose Ausländer; „Ahasver“ von Immanuel Weißglas; "Eine Gauner- und Ganovenweise gesungen zu Paris emprès Pontoise von Paul Celan aus Czernowitz bei Sadagora" von Paul Celan.

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