[Kolloquium München] Nikolaj Plotnikov (Bochum): "Der Begriff der Gerechtigkeit in den russischen politischen und philosophischen Diskursen"

11.05.2016 (12:00 - 14:00)

Am 11. Mai ist Nikolaj Plotnikov (Bochum) zu Gast im Kolloquium der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien in München. Er hält einen Vortrag mit dem Titel "Der Begriff der Gerechtigkeit in den russischen politischen und philosophischen Diskursen".

PD Dr. Plotnikov ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Ruhr-Universität Bochum sowie ebenda Projektkoordinator der Forschungsstelle "Russische Philosophie und Ideengeschichte". Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf Fragen der theoretischen Philosophie (Wissenschaftstheorie der Geisteswissenschaften; Theorie der Subjektivität), der praktischen Philosophie (Ethik, Rechts- und Sozialphilosophie, politische Philosophie, Religionsphilosophie) sowie der Geschichte der Philosophie (Klassische Deutsche Philosophie, Phänomenologie, Hermeneutik, Russische Philosophie und Ideengeschichte).

Die Veranstaltungen in der Reihe "Kolloquium" richten sich sowohl an die Mitglieder der Graduiertenschule, als auch an die interessierte Hochschulöffentlichkeit.

Zeit: Mittwoch, 11.05.2016, 12-14 Uhr c.t.

Ort: München, LMU, Historicum, Amalienstr. 52, Raum K 001

Abstract des Vortrags

In den Studien zur russischen Begriffsgeschichte ist schon seit längerem auf eine Besonderheit des russischen Begriffswortes ‚pravda‘, das zugleich ‚Wahrheit‘ (istina) und ‚Gerechtigkeit‘ (spravedlivost’) bedeutet, hingewiesen worden, die im europäischen Kontext einmalig sein soll.

In Russland selbst ist der Hinweis auf diese Einmaligkeit des Wortes ‚pravda‘ (als Zeichen eines besonders ausgeprägten Sinns für die Gerechtigkeit im russischen Volk) zu einer Art kulturellem Mythos geworden, der in zahlreichen russischen Lexika, Monographien und Sammelbänden reproduziert wird und bis in die Massenmedien Verbreitung findet. Neuerdings findet die Berufung auf ‚pravda‘ in die politische Ideologie eines ‚russkij mir‘ Eingang.

Näher betrachtet, stellt die Ansicht von der Einheit von Wahrheit und Gerechtigkeit/ Gutem in einem allgemeinen Geltungsprinzip, das sowohl Behauptungen über das Faktische als auch normative Sätze umfasst, jedoch keine kulturspezifische Denkweise, sondern eine in der europäischen Philosophie allgemein verbreitete Argumentationsfigur dar. Angesichts der auf der Hand liegenden Gemeinsamkeiten des russischen Begriffsgebrauchs mit anderen europäischen Denktraditionen fragt man sich nach den Gründen, warum der Begriff ‚pravda‘ dennoch eine so eminente Bedeutung für das kulturelle und politische Bewusstsein in Russland gewinnen und mit der Vorstellung von seiner Einmaligkeit verknüpft werden konnte.

Dieser Umstand, so die Hypothese, resultiert aus der Funktion, die der Gerechtigkeitsbegriff in den öffentlichen politischen und philosophischen Diskursen des 20. Jahrhunderts spielt. Anhand zwei Fallbeispiele (aus der Zeit um 1900 und der Zeit der Perestroika) soll die diskursive Funktion des Gerechtigkeitsbegriffs, Indikator eines Konflikts von normativen Ordnungen zu sein, demonstriert und erläutert werden.

Literaturempfehlung:

Kusse, Holger; Plotnikov, Nikolaj (Hg.): Pravda. Diskurse der Gerechtigkeit in der russischen Ideengeschichte. München: Sagner 2011 (Specimina philologiae Slavicae, Bd. 164)

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