[Projektvorstellung München] Münchner Leerstellen: Vergessene Orte der nationalsozialistischen Zwangsarbeit und Gewalt

25.11.2015 (18:00 - 00:00)

Am Mittwoch, 25. November 2015, stellt der elfte Jahrgang des  Masterstudiengangs Osteuropastudien an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Regensburg die Ergebnisse seines Projektseminars "Münchner Leerstellen: Vergessene Orte der nationalsozialistischen Zwangsarbeit und Gewalt in und um München" der Öffentlichkeit vor. Ab 18 Uhr findet im Senatssaal der LMU München eine Präsentation mit anschließendem Empfang statt.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektseminars beschäftigen sich seit Herbst 2014 mit wenig bekannten Orten der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in München und Umgebung. Dabei handelt es sich um Orte, die mit der Geschichte der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus dem östlichen Europa in Zusammenhang stehen. Denn auch siebzig Jahre nach Kriegsende bleibt die Erinnerung an diese Menschen Sache der Opfergemeinschaften – ohne auf der städtepolitischen Bühne repräsentiert zu werden.

Das geschichtswissenschaftlich-ethnologische Projekt setzt sich zum Ziel diese Orte aufzuspüren, ihre Geschichte und den Umgang mit ihr anhand von Archivquellen, Interviews und teilnehmenden Beobachtungen, etwa von Gedenkritualen, zu rekonstruieren und zu dokumentieren. Entstanden ist eine virtuelle Ausstellung auf der Website www.muenchner-leerstellen.de. Beim Blick auf die - am 25.11. freigeschaltete - interaktive Karte, dem Herzstück der Homepage, wird eines deutlich: Die Verbrechen der Zwangsarbeit sind näher als gedacht.

Die wissenschaftliche Leitung des Projekt haben Dr. Marketa Spiritova und Dr.des. Ekaterina Makhotina.

Senatssaal der LMU München, Hauptgebäude (1. Stock), Geschwister-Scholl-Platz 1 - ab 18 Uhr

Um Anmeldung bis zum 19.11.2015 per E-Mail wird gebeten.

 

Orte der Zwangsarbeit

Zwangsarbeit im Nationalsozialismus – was so schwer greifbar und bisher im öffentlichen Gedenken eher wenig präsent ist, soll mit diesem Projekt durch die Untersuchung einzelner Orte und Schicksale bisher wenig beachteter Opfergruppen konkreter gemacht werden:

Das KZ-Außenlager Kaufering VII

Kaufering VII war eines von über 100 Nebenlagern des KZ Dachau, das der Rüstungsproduktion diente. Die Häftlinge mussten in Erdhütten leben, deren Erhalt und Pflege heute zu Konflikten um Zuständigkeiten führt.

Das KZ-Außenlager Utting

In Utting am Ammersee, ungefähr 50 Kilometer von München entfernt, befand sich ein Außenlager des KZ Kaufering. Hier mussten Häftlinge in einer unterirdischen Betonfabrik Fertigteile herstellen. Außerdem wurden sie teilweise direkt für den Bau eines Bunkers mit Decknamen „Weingut II“ in der Nähe von Landsberg am Lech eingesetzt. Heute ist wenig über das Lager bekannt, es gibt keine Luftbilder und detaillierte Aufzeichnungen über das ehemalige KZ. Mithilfe von Zeitzeugen und -zeuginnen sowie Dokumenten erforschen wir, was damals genau in Utting passiert ist und wo die Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Außerdem untersuchen wir, wie das Dorf heute mit seiner Vergangenheit umgeht.

Frauen und sogenannte „Asoziale“ als unbekannte Opfergruppe

Dass es in Konzentrationslagern, auch Dachau, Lagerbordelle gab, in denen sich weibliche Gefangene prostituieren mussten, ist auch heute noch kaum bekannt und ein Beispiel dafür, welch geringen Stellenwert Frauenschicksale im NS-Gedenken besitzen. Auch die Schicksale der Menschen, die während des Nationalsozialismus als „Asoziale“ stigmatisiert wurden – unter anderem Alkoholiker_innen, Obdachlose, Prostituierte und Straftäter – bekommen kaum Platz im öffentlichen Gedenken. Wir werden einige ihrer Geschichten vorstellen.

Zwangsarbeiterlager Neuaubing

Der Ort, der von 1942-1945 Unterkunft von über 1000 Zwangsarbeiter_innen war, genießt seit einigen Jahren mehr und mehr öffentliches Interesse. Seit den 1980er Jahren arbeiten hier Künstler_innen und Handwerker_innen. Nun soll es eine Außenstelle des NS-Dokumentationszentrums werden. Wir untersuchen die Konflikte, die eine solche Institutionalisierung mit sich bringt.

Heeresmunitionsdepot „MUNA“ Hohenbrunn

In Hohenbrunn arbeiteten 780 Zwangsarbeiter_innen, von denen der Großteil aus dem Protektorat Böhmen und Mähren stammte. Die Arbeitsbedingungen waren gefährlich  – mehrere von ihnen kamen bei Explosionen ums Leben. Dennoch erinnert an der Stelle nichts an die Zeit des Nationalsozialismus. Ein großer Teil des Geländes ist bis heute nicht öffentlich zugänglich, ein anderer Teil wird als Gewerbegebiet genutzt. Erst vor kurzem entschloss sich der Gemeinderat einen Gedenkstein auf dem Gelände zu aufzustellen Uns beschäftigt, warum so lange kein Interesse an der Aufarbeitung des nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Bundeswehr genutzten Geländes bestand.

Bombensuchkommando

Zwangsarbeiter_innen wurden auch gezwungen unter Lebensgefahr Bomben zu entschärfen. Die Zentrale des Kommandos befand sich in der Stielerstraße, wo heute auch eine Gedenkplakette angebracht ist. Wir möchten herausfinden, ob es darüber hinaus noch lokales Gedenken an diese gefährliche Aufgabe gibt.

Kinder und die Zwangsarbeit

Zwar durften Jugendliche offiziell erst mit 16 Jahren für Arbeitseinsätze „genutzt“ werden – doch es gab zahlreiche Fälle, in denen Verantwortliche Pässe fälschten, um diese Regel zu umgehen.  Oftmals hatten die Kinder keinerlei oder wenig Kontakt zu ihrer Familie und litten unter den schweren Arbeitsbedingungen. Wenig bekannt sind auch jene eher seltenen Fälle von Kindern, die von Zwangsarbeiterinnen geboren wurden. Wir wollen einigen von ihnen ein Gesicht geben.

www.muenchner-leerstellen.de

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