[Regensburg] Von den Rändern Europas – Želimir Žilnik-Filmwoche: Abschluss

13.11.2015 (17:00 - 20:00)

Abschluss der Želimir Žilnik-Filmwoche, die vom 10. bis 13. November 2015 in Regensburg stattfindet: Filmvorführung und Abschlussveranstaltung mit Studierenden der Fachschaft Südost ab 17 Uhr in den Kinos im Andreasstadel, Andreasstraße 28, 93059 Regensburg.

Eine Veranstaltung der Studiengruppe „Social Sorting“ der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien zusammen mit Donumenta e.V., der Fachschaft Südost und dem Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS).

 

Programm am Freitag, 13. November 2015,  17.00 – 20.00 Uhr

Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS), Landshuter Str. 4, 93047 Regensburg, Raum 017

  • Abschlussveranstaltung mit Studierenden der Fachschaft Südost (Gesprächsrunde mit anschließendem Buffet)

Marmorarsch (Dupe od mramora), Jugoslawien 1994 (87’)

 

Seit Ende der 60er Jahre ist der in Novi Sad in Serbien lebende Želimir Žilnik (*1942) als Regisseur von Kurz-, Dokumentar-, Spiel-, Essay- und Fernsehfilmen aktiv. Stets radikal unabhängig, hat er in dieser Zeit ein Werk geschaffen, das die jeweilige Gesellschaft und ihre politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen genau und kritisch reflektiert – das sozialistische Jugoslawien, die BRD der 70er Jahre, die Auflösungstendenzen Jugoslawiens nach Titos Tod, die Kriege der 90er Jahre, die Transformationsprozesse zu freien Marktwirtschaften und die neuen Grenzziehungen in Europa.

Žilniks erste Kurzfilme Ende der 60er Jahre sind kühne Mischungen aus agitatorischen und dokumentarischen Elementen, die selbstreflexiv Kritik am herrschenden System üben. Mit Dušan Makavejev, Lazar Stojanović, Karpo Godina und anderen gehörte er zu einer jungen Generation von Filmemachern, die kreativ provozierend die erstarrte Politik herausforderten. Den von Kulturfunktionären zu ihrer Diffamierung erdachten Begriff der "Schwarzen Welle" griff Žilnik in Schwarzer Film von 1971 ironisch auf. Mit seinem ersten langen Spielfilm Frühe Werkegewann Žilnik 1969 den Goldenen Bären der Berlinale und internationale Anerkennung.

In seiner Heimat aber bekam er damit Probleme. Seinen nächsten Spielfilm konnte er nicht beenden und wurde faktisch mit einem Arbeitsverbot belegt. 1973 verließ er Jugoslawien und ging in die Bundesrepublik Deutschland. Dort entstanden sieben kurze, meist mit "Gastarbeitern" gedrehte Dokumentarfilme und ein Spielfilm. Aber auch in der Demokratie eckte er an. Seine filmische Auseinandersetzung mit dem Terrorismus der 70er Jahren und deren massenmedialer Ausschlachtung führte zu einer polizeilichen Hausdurchsuchung und seiner hastigen Abschiebung aus Deutschland: Wegen eines angeblich abgelaufenen Touristenstatus‘ musste er das Land verlassen.

Zurück in Jugoslawien fand er beim Fernsehen eine neue Arbeitsmöglichkeit, wo er billig und einfach produzierte Filme über das Alltagsleben von Menschen drehte. Dort entwickelte er sein Regieverfahren des "Doku-Dramas", einer Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm, das von realen Erlebnissen ausgeht und mit inszenierten Szenen und Dialogen fiktiv verdichtet wird. Die Laiendarsteller spielen dabei sich selbst, greifen auf ihre eigenen Erfahrungen zurück und erhalten einen Raum, in dem sie sich und ihr "Drama" ausdrücken und präsentieren können. Die minimalistische, "rohe" Ästhetik verstärkt den Anschein des Echten und Unverstellten.

In den letzten Jahren richtete Želimir Žilnik seinen Fokus verstärkt auf die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in den Staaten Südosteuropas und auf die Menschen, die dabei unter die Räder kommen, sowie auf Migrationsbewegungen und Abschottungstendenzen der Europäischen Union.

 

Filmbeschreibung

Marmorarsch (Dupe od mramora), Jugoslawien 1994 (87’): untersucht die Auswirkungen der Kriege der 90er Jahre auf Menschen an den Rändern der Gesellschaft. Die Hauptfigur, Merlin, ist ein alternder Transvestit, der als Prostituierte auf Belgrads Straßenstrich arbeitet. Sie betreibt ihre eigene Form der Befriedung des Balkans. Indem sie mit zahlreichen jungen Männern schläft und als Blitzableiter für deren schnell aggressiv werdende Energie dient, versucht sie der Atmosphäre der Gewalt entgegenzutreten. Eine alter Bekannter, Johnny, kehrt aus dem Krieg zurück. Traumatisiert durch die Brutalität dessen, was er gesehen und getan hat, stellt er eine tickende Zeitbombe dar und fühlt sich nur mit einer Waffe in der Hand einigermaßen sicher. Eine apokalyptische Vision der serbischen Gesellschaft der 90er Jahren, die von seelisch verkrüppelten Menschen und dem Mythos von Männlichkeit und Kriegermentalität beherrscht wird. 2005 gewann Marmorarsch den Teddy Award der Berlinale.

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