[Regensburg] Von den Rändern Europas – Želimir Žilnik-Filmwoche: Zweiter Tag

12.11.2015 (17:00 - 21:00)

Zweiter Tag der Želimir Žilnik-Filmwoche, die vom 10. bis 13. November 2015 in Regensburg stattfindet: Präsentation und Diskussion von Lang- und Kurzfilmen zur Thematik Migration und Flucht sowie Gesprächsrunde mit dem Regisseur  ab 17 Uhr in den Kinos im Andreasstadel, Andreasstraße 28, 93059 Regensburg.

Eine Veranstaltung der Studiengruppe „Social Sorting“ der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien zusammen mit Donumenta e.V., der Fachschaft Südost und dem Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS).

 

Programm am Donnerstag 12. November 2015,  17.00 – 21.00 Uhr

Kinos im Andreasstadel, Andreasstraße 28, 93059 Regensburg (der Eintritt ist für Mitglieder der Graduiertenschule frei!)

  • Langfilm und Kurzfilm zur Thematik Migration und Flucht (17:00-18:50 Uhr)

Festung Europa (Tvrdjava Evropa), Slowenien 2001 (80’)
Wo war Kenedi 2 Jahre lang (Gde je bio Kenedi 2 godina), Serbien und Montenegro 2005 (26’)

  • Žilnik neuester Langfilm zur Thematik Migration und Flucht (19:00-20:40 Uhr)

Logbuch_Serbistan (Logbook_Serbistan), Serbien 2015 (94’)

  • Gesprächsrunde (20:40-21:00 Uhr) mit Želimir Žilnik, Regina Hellwig Schmid und Ger Duijzings

 

Seit Ende der 60er Jahre ist der in Novi Sad in Serbien lebende Želimir Žilnik (*1942) als Regisseur von Kurz-, Dokumentar-, Spiel-, Essay- und Fernsehfilmen aktiv. Stets radikal unabhängig, hat er in dieser Zeit ein Werk geschaffen, das die jeweilige Gesellschaft und ihre politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen genau und kritisch reflektiert – das sozialistische Jugoslawien, die BRD der 70er Jahre, die Auflösungstendenzen Jugoslawiens nach Titos Tod, die Kriege der 90er Jahre, die Transformationsprozesse zu freien Marktwirtschaften und die neuen Grenzziehungen in Europa.

Žilniks erste Kurzfilme Ende der 60er Jahre sind kühne Mischungen aus agitatorischen und dokumentarischen Elementen, die selbstreflexiv Kritik am herrschenden System üben. Mit Dušan Makavejev, Lazar Stojanović, Karpo Godina und anderen gehörte er zu einer jungen Generation von Filmemachern, die kreativ provozierend die erstarrte Politik herausforderten. Den von Kulturfunktionären zu ihrer Diffamierung erdachten Begriff der "Schwarzen Welle" griff Žilnik in Schwarzer Film von 1971 ironisch auf. Mit seinem ersten langen Spielfilm Frühe Werkegewann Žilnik 1969 den Goldenen Bären der Berlinale und internationale Anerkennung.

In seiner Heimat aber bekam er damit Probleme. Seinen nächsten Spielfilm konnte er nicht beenden und wurde faktisch mit einem Arbeitsverbot belegt. 1973 verließ er Jugoslawien und ging in die Bundesrepublik Deutschland. Dort entstanden sieben kurze, meist mit "Gastarbeitern" gedrehte Dokumentarfilme und ein Spielfilm. Aber auch in der Demokratie eckte er an. Seine filmische Auseinandersetzung mit dem Terrorismus der 70er Jahren und deren massenmedialer Ausschlachtung führte zu einer polizeilichen Hausdurchsuchung und seiner hastigen Abschiebung aus Deutschland: Wegen eines angeblich abgelaufenen Touristenstatus‘ musste er das Land verlassen.

Zurück in Jugoslawien fand er beim Fernsehen eine neue Arbeitsmöglichkeit, wo er billig und einfach produzierte Filme über das Alltagsleben von Menschen drehte. Dort entwickelte er sein Regieverfahren des "Doku-Dramas", einer Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm, das von realen Erlebnissen ausgeht und mit inszenierten Szenen und Dialogen fiktiv verdichtet wird. Die Laiendarsteller spielen dabei sich selbst, greifen auf ihre eigenen Erfahrungen zurück und erhalten einen Raum, in dem sie sich und ihr "Drama" ausdrücken und präsentieren können. Die minimalistische, "rohe" Ästhetik verstärkt den Anschein des Echten und Unverstellten.

In den letzten Jahren richtete Želimir Žilnik seinen Fokus verstärkt auf die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in den Staaten Südosteuropas und auf die Menschen, die dabei unter die Räder kommen, sowie auf Migrationsbewegungen und Abschottungstendenzen der Europäischen Union.

 

Filmbeschreibungen

Festung Europa (Tvrdjava Evropa), Slovenien 2000 (80’): Dieses Dokudrama wurde in den Grenzregionen von Italien, Slowenien, Kroatien und Ungarn gedreht, wo die südöstliche EU-Außengrenze seit dem Schengener Abkommen unter strenger Beobachtung steht und damit nationalistische Tendenzen und die Polizeiorgane der osteuropäischen Staaten stärkt. Von der Wirklichkeit ausgehend, rekonstruiert Žilnik einige Geschichten von Menschen, die versuchen, diese Grenzen zu überschreiten: Der russische Mann, der die Tochter zur Ex-Frau nach Italien bringen will und in Ungarn strandet, wo er auf Flüchtlinge aus Serbien trifft, oder die junge Frau aus Rumänien, die an der slowenisch-italienischen Grenze von der Polizei aufgegriffen und wieder zurückgeschickt wird.

Wo war Kenedi 2 Jahre lang (Gde je bio Kenedi 2 godina), Serbien und Montenegro 2005 (26’): Zwei Jahre nach seinen ersten Film über den Kosovo Roma Kenedi Hasani findet Žilnik ihm in Wien wieder – während einer Vorführung dieses Films. Bei einem illegalen Grenzübertritt von Ungarn nach Österreich wurde er von der Grenzpolizei verhaftet und verbrachte einige Monate in einem Flüchtlingslager. Von dort aus floh er über Österreich nach Deutschland und Holland. Mit dem Filmteam reist er nun nach Novi Sad, wo er beschließt, ein Haus für seine Familie zu bauen.

Logbuch_Serbistan (Logbook_Serbistan), Serbien 2015 (94’): Im Niemandsland kurz vor der ungarisch-serbischen Grenze sitzt ein Mann am Lagerfeuer. Er ist einer von vielen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben aus Syrien über die Türkei, Griechenland und Mazedonien hierhergekommen sind. Er hat seine Heimat verlassen, um in Europa eine neue zu finden. Seine Geschichte und eine Reihe anderer Schicksale bringt Žilnik in diesem Dokumentarfilm scheinbar nüchtern und neutral auf die Leinwand. Unabhängig davon, ob die Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea kommen, sie alle haben einen langen, mühsamen und gefährlichen Weg hinter und vielleicht noch vor sich. Sie sprechen weder die Sprache der Länder, die sie auf ihrem Weg ins Ungewisse durchqueren, noch kennen sie die Schlepper, denen sie sich anvertrauen müssen. In diesen Film stellen die Flüchtlinge selbst Szenen aus ihrem Leben und von ihrer Odyssee nach, was tiefe Einblicke in das Innere dieser vom Leben gebeutelten Menschen erlaubt und somit eines der brennendsten Themen der Gegenwart künstlerisch außergewöhnlich behandelt. Zwischen den Polen einer „Festung Europa“ und einem Europa der Menschenrechte gelingt es Žilnik, den meist abstrakten Flüchtlingszahlen aus den Medien ein menschliches Gesicht zu geben.

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