"Von den Rändern Europas": Želimir Žilnik-Filmwoche der Studiengruppe „Social Sorting“ in Regensburg

10.11.2015 - 13.11.2015

Vom 10. bis 13. November 2015 veranstaltet die Studiengruppe „Social Sorting“ der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien zusammen mit Donumenta e.V., der Fachschaft Südost und dem Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) in Regensburg eine Želimir Žilnik-Filmwoche.

Die Filmwoche mit dem Titel "Von den Rändern Europas" widmet sich der Arbeit des serbischen Filmregisseurs Želimir Žilnik, der auch selbst vor Ort sein wird; im Rahmen des Retrospektive werden verschiedene Filme Žilniks vorgeführt und diskutiert.

Seit Ende der 60er Jahre ist der in Novi Sad in Serbien lebende Želimir Žilnik (*1942) als Regisseur von Kurz-, Dokumentar-, Spiel-, Essay- und Fernsehfilmen aktiv. Stets radikal unabhängig, hat er in dieser Zeit ein Werk geschaffen, das die jeweilige Gesellschaft und ihre politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen genau und kritisch reflektiert – das sozialistische Jugoslawien, die BRD der 70er Jahre, die Auflösungstendenzen Jugoslawiens nach Titos Tod, die Kriege der 90er Jahre, die Transformationsprozesse zu freien Marktwirtschaften und die neuen Grenzziehungen in Europa.

Žilniks erste Kurzfilme Ende der 60er Jahre sind kühne Mischungen aus agitatorischen und dokumentarischen Elementen, die selbstreflexiv Kritik am herrschenden System üben. Mit Dušan Makavejev, Lazar Stojanović, Karpo Godina und anderen gehörte er zu einer jungen Generation von Filmemachern, die kreativ provozierend die erstarrte Politik herausforderten. Den von Kulturfunktionären zu ihrer Diffamierung erdachten Begriff der "Schwarzen Welle" griff Žilnik in Schwarzer Film von 1971 ironisch auf. Mit seinem ersten langen Spielfilm Frühe Werkegewann Žilnik 1969 den Goldenen Bären der Berlinale und internationale Anerkennung.

In seiner Heimat aber bekam er damit Probleme. Seinen nächsten Spielfilm konnte er nicht beenden und wurde faktisch mit einem  Arbeitsverbot belegt. 1973 verließ er Jugoslawien und ging in die Bundesrepublik Deutschland. Dort entstanden sieben kurze, meist mit "Gastarbeitern" gedrehte Dokumentarfilme und ein Spielfilm. Aber auch in der Demokratie eckte er an. Seine filmische Auseinandersetzung mit dem Terrorismus der 70er Jahren und deren massenmedialer Ausschlachtung führte zu einer polizeilichen Hausdurchsuchung und seiner hastigen Abschiebung aus Deutschland: Wegen eines angeblich abgelaufenen Touristenstatus‘ musste er das Land verlassen.

Zurück in Jugoslawien fand er beim Fernsehen eine neue Arbeitsmöglichkeit, wo er billig und einfach produzierte Filme über das Alltagsleben von Menschen drehte. Dort entwickelte er sein Regieverfahren des "Doku-Dramas", einer Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm, das von realen Erlebnissen ausgeht und mit inszenierten Szenen und Dialogen fiktiv verdichtet wird. Die Laiendarsteller spielen dabei sich selbst, greifen auf ihre eigenen Erfahrungen zurück und erhalten einen Raum, in dem sie sich und ihr "Drama" ausdrücken und präsentieren können. Die minimalistische, "rohe" Ästhetik verstärkt den Anschein des Echten und Unverstellten.

In den letzten Jahren richtete Želimir Žilnik seinen Fokus verstärkt auf die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in den Staaten Südosteuropas und auf die Menschen, die dabei unter die Räder kommen, sowie auf Migrationsbewegungen und Abschottungstendenzen der Europäischen Union.

 

Programm:

Dienstag 10. November 2015,  17.00 – 21.00 Uhr

Kinos im Andreasstadel, Andreasstraße 28, 93059 Regensburg
(der Eintritt ist für Mitglieder der Graduiertenschule frei!)

  • Kurzfilmretrospektive (17:00 – 18:20 Uhr)

Journal der Dorfjugend im Winter (Žurnal o omladini na selu, zimi), Jugoslawien 1967 (15’)
Kleine Pioniere (Pioniri maleni), Jugoslawien 1968 (18’)
Die Arbeitslosen (Nezaposleni ljudi), Jugoslawien 1968 (13‘)
Schwarzer Film (Crni film), Jugoslawien 1971 (14‘)
Inventur Metzstrasse, BRD 1975 (9’)
Ich weiß nicht was soll es bedeuten, BRD 1975 (10‘)

  • Gesprächsrunde (18:30-19:00 Uhr) mit Želimir Žilnik und Insa Wiese (Regensburger Kurzfilmfestivals)
  • Langfilm (19:00-21:00 Uhr)

Die alte Schule des Kapitalismus (Stara škola kapitalizma), Serbien 2009 (122’)

 

Donnerstag 12. November 2015,  17.00 – 21.00 Uhr

Kinos im Andreasstadel, Andreasstraße 28, 93059 Regensburg
(der Eintritt ist für Mitglieder der Graduiertenschule frei!)

  • Langfilm und Kurzfilm zur Thematik Migration und Flucht (17:00-18:50 Uhr)

Festung Europa (Tvrdjava Evropa), Slowenien 2001 (80’)
Wo war Kenedi 2 Jahre lang (Gde je bio Kenedi 2 godina), Serbien und Montenegro 2005 (26’)

  • Žilnik neuester Langfilm zur Thematik Migration und Flucht (19:00-20:40 Uhr)

Logbuch_Serbistan (Logbook_Serbistan), Serbien 2015 (94’)

  • Gesprächsrunde (20:40-21:00 Uhr) mit Želimir Žilnik, Regina Hellwig Schmid und Ger Duijzings

 

Freitag 13. November 2015,  17.00 Uhr – 20:00 Uhr

Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS), Landshuter Str. 4, 93047 Regensburg, Raum 017

  • Abschlussveranstaltung mit Studierenden der Fachschaft Südost (Gesprächsrunde mit anschließendem Buffet)

Marmorarsch (Dupe od mramora), Jugoslawien 1994 (87’)

 

Filmbeschreibungen

Journal der Dorfjugend im Winter (Žurnal o omladini na selu, zimi), Jugoslawien 1967 (15’): Bereits in Žilniks Debütfilm, istsein Stil der dokumentarischen Fiktion oder arrangierten Dokumentation angelegt. Er beobachtet junge Menschen in der Vojvodina im Winter bei der Freizeit: in Bars, beim Tanzen, im Weinkeller, zwischen Leere und überschäumender Lebensenergie.

Kleine Pioniere (Pioniri maleni), Jugoslawien 1968 (18’): Kinder und Jugendliche, von der Gesellschaft allein gelassen, erzählen vor der Kamera freimütig über ihre Erlebnisse, vom Leben auf der Straße, vom Stehlen, von Missbrauch und Gewalt.

Die Arbeitslosen (Nezaposleni ljudi), Jugoslawien 1968 (13‘): Žilnik konfrontiert mehrere Arbeitslose mit einer Reihe von Fragen, die, zusammengeschnitten, ein universelles Bild der Arbeitslosigkeit abgeben. Vom sozialistischen Optimismus ist hier nichts zu spüren.

Schwarzer Film (Crni film), Jugoslawien 1971 (14‘): Eines Nachts liest Žilnik zehn (laut offizieller Diktion nicht existierende) Obdachlose von den Straßen Novi Sads auf und bringt sie zu sich nach Hause. Während sie sich in der Zwei-Zimmer-Wohnung, die der Regisseur mit seiner Frau und der kleinen Tochter bewohnt, aufhalten, fragt Žilnik Passanten auf der Straße nach der Lösung des Problems.

Inventur Metzstrasse, BRD 1975 (9’): Der Film zeigt die Bewohner eines alten Mietshauses – überwiegend "Gastarbeiter" –, die sich und ihre Lebensumstände kurz vorstellen. Als ihre eigenen Darsteller in einem streng strukturalistischen Setting bestimmen sie selbst, was und wie viel sie von sich preisgeben. 

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, BRD 1975 (10‘): Eine amüsante Parodie auf die deutsche Romantik und ihre Überformung in den Kitsch mit Versionen von Heinrich Heines Lorelei.

Die alte Schule des Kapitalismus (Stara škola kapitalizma), Serbien 2009 (122’): Das Ende des Staatssozialismus bedeutet für Serbien den Eintritt in den globalen Kapitalismus. Vor dem realen Hintergrund einer Serie von Fabrik-Streiks stürmt eine Gruppe von Arbeitern ihre Fabrik, nur um festzustellen, dass die Bosse sich schon alles unter den Nagel gerissen haben. Junge Anarchisten entführen daraufhin in einem Akt der Solidarität den Unternehmer. Der Besuch eines russischen Großindustriellen und des amerikanischen Vizepräsidenten Joe Biden verkompliziert die Lage weiter.

Festung Europa (Tvrdjava Evropa), Slovenien 2000 (80’): Dieses Dokudrama wurde in den Grenzregionen von Italien, Slowenien, Kroatien und Ungarn gedreht, wo die südöstliche EU-Außengrenze seit dem Schengener Abkommen unter strenger Beobachtung steht und damit nationalistische Tendenzen und die Polizeiorgane der osteuropäischen Staaten stärkt. Von der Wirklichkeit ausgehend, rekonstruiert Žilnik einige Geschichten von Menschen, die versuchen, diese Grenzen zu überschreiten: Der russische Mann, der die Tochter zur Ex-Frau nach Italien bringen will und in Ungarn strandet, wo er auf Flüchtlinge aus Serbien trifft, oder die junge Frau aus Rumänien, die an der slowenisch-italienischen Grenze von der Polizei aufgegriffen und wieder zurückgeschickt wird.

Wo war Kenedi 2 Jahre lang (Gde je bio Kenedi 2 godina), Serbien und Montenegro 2005 (26’): Zwei Jahre nach seinen ersten Film über den Kosovo Roma Kenedi Hasani findet Žilnik ihm in Wien wieder – während einer Vorführung dieses Films. Bei einem illegalen Grenzübertritt von Ungarn nach Österreich wurde er von der Grenzpolizei verhaftet und verbrachte einige Monate in einem Flüchtlingslager. Von dort aus floh er über Österreich nach Deutschland und Holland. Mit dem Filmteam reist er nun nach Novi Sad, wo er beschließt, ein Haus für seine Familie zu bauen.

Logbuch_Serbistan (Logbook_Serbistan), Serbien 2015 (94’): Im Niemandsland kurz vor der ungarisch-serbischen Grenze sitzt ein Mann am Lagerfeuer. Er ist einer von vielen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben aus Syrien über die Türkei, Griechenland und Mazedonien hierhergekommen sind. Er hat seine Heimat verlassen, um in Europa eine neue zu finden. Seine Geschichte und eine Reihe anderer Schicksale bringt Žilnik in diesem Dokumentarfilm scheinbar nüchtern und neutral auf die Leinwand. Unabhängig davon, ob die Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea kommen, sie alle haben einen langen, mühsamen und gefährlichen Weg hinter und vielleicht noch vor sich. Sie sprechen weder die Sprache der Länder, die sie auf ihrem Weg ins Ungewisse durchqueren, noch kennen sie die Schlepper, denen sie sich anvertrauen müssen. In diesen Film stellen die Flüchtlinge selbst Szenen aus ihrem Leben und von ihrer Odyssee nach, was tiefe Einblicke in das Innere dieser vom Leben gebeutelten Menschen erlaubt und somit eines der brennendsten Themen der Gegenwart künstlerisch außergewöhnlich behandelt. Zwischen den Polen einer „Festung Europa“ und einem Europa der Menschenrechte gelingt es Žilnik, den meist abstrakten Flüchtlingszahlen aus den Medien ein menschliches Gesicht zu geben.

Marmorarsch (Dupe od mramora), Jugoslawien 1994 (87’): untersucht die Auswirkungen der Kriege der 90er Jahre auf Menschen an den Rändern der Gesellschaft. Die Hauptfigur, Merlin, ist ein alternder Transvestit, der als Prostituierte auf Belgrads Straßenstrich arbeitet. Sie betreibt ihre eigene Form der Befriedung des Balkans. Indem sie mit zahlreichen jungen Männern schläft und als Blitzableiter für deren schnell aggressiv werdende Energie dient, versucht sie der Atmosphäre der Gewalt entgegenzutreten. Eine alter Bekannter, Johnny, kehrt aus dem Krieg zurück. Traumatisiert durch die Brutalität dessen, was er gesehen und getan hat, stellt er eine tickende Zeitbombe dar und fühlt sich nur mit einer Waffe in der Hand einigermaßen sicher. Eine apokalyptische Vision der serbischen Gesellschaft der 90er Jahren, die von seelisch verkrüppelten Menschen und dem Mythos von Männlichkeit und Kriegermentalität beherrscht wird. 2005 gewann Marmorarsch den Teddy Award der Berlinale.

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