Forum München mit Petro Rychlo: Interethnische und interkulturelle Beziehungen in der Bukowina 1918-1940

18.11.2014 (18:00 - 20:00)

Der ukrainische Germanist, Literaturwissenschaftler und Übersetzer Peter Rychlo ist Professor am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte und Literaturtheorie der Jurij Fedkowytsch Universität Czernowitz/Tscherniwzi.

Er promovierte 1988 über die Rezeption der nationalen literarischen Tradition in der Lyrik von Stephan Hermlin und habilitierte 2007 über Paul Celans dichterisches Werk als Intertext. Seine Studie "Poetik des Dialogs. Paul Celans Dichtung als Dialog" ist die erste wissenschaftliche Monographie über den Dichter in der Ukraine.

Rychlo übersetzte zahlreiche deutsche, österreichische sowie schweizerische Autoren ins Ukrainische (u.a. Karl Emil Franzos, Jura Soyfer, Manès Sperber, Karl Lubomirski, Georg Drozdowski, Gregor von Rezzori, Rose Ausländer, Paul Celan, Josef Burg) und überträgt auch die Gedichte der deutschsprachigen Autoren, die am Internationalen Poesiefestival Meridian Czernowitz teilnehmen.

 

Petro Rychlo
Interethnische und interkulturelle Beziehungen in der Bukowina
1918-1940

 

In der Zwischenkriegszeit geriet die Bukowina in eine Art „Inselsituation“, in der die nationalen Minderheiten mit allen Kräften um ihre Rechte kämpfen mussten. Die Region war eine kleine geschlossene Welt, die ihres eigenen Selbstbewusstseins wegen universal sein musste. Die Universalität des Organismus wurde hier nicht zuletzt durch die Polyethnizität und die Mehrsprachigkeit erreicht, auf die die Bukowina nicht verzichten wollte, sowie durch die produktive Rivalität sowohl zwischen den ethnischen Gruppen als auch zwischen einzelnen kreativen Individuen. Diese Faktoren bewirkten einen rasanten und unerwarteten Aufschwung der nationalen Kulturen in der Region, insbesondere der Literaturen, die etliche Autoren von überregionaler, in einigen Fällen sogar von Weltbedeutung hervorbrachten. Hier musste in der Miniatur die ganze Palette des Kulturlebens vieler Nationen wiedergegeben werden, wie ein pars pro toto. Es war eine kolossale Herausforderung, die von den nationalen Minderheiten einen unbeugsamen Widerstand und eine kraftvolle intellektuelle Mobilisierung verlangte.

Obwohl das Abkommen von Saint Germain vom 9. Dezember 1919 – die völkerrechtliche Vertragsurkunde, die die Bukowina dem Rumänischen Königtum zugesprochen hatte – den nationalen Minderheiten die freie Verwendung der Muttersprache, Konfessions- und Bildungsfreiheit etc. gewährleistete, wurden diese durch die rumänische Verwaltung von Anfang an verletzt. Auf hartnäckigen Widerstand der Ukrainer, Polen und Deutschen stießen gravierende Einschränkungen des nationalen Schulwesens, die Schließung der nationalen Kultureinrichtungen, die Zensur der nationalen Presse und vieles mehr. In den 1930er Jahren begann der rumänische Antisemitismus besonders schändliche Formen anzunehmen, was während des Zweiten Weltkrieges in den massenhaften Deportationen und der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung der Bukowina gipfelte.

Lebhafte Diskussionen wurden in den letzten Jahren über die Frage der Abgrenzung der multikulturellen und interkulturellen Tendenzen in der Entwicklung der multinationalen Literatur und Kunst der Bukowina geführt, denn der zweifellos multikulturelle Charakter der Region bedeutet noch keine axiomatische Interkulturalität. Die Lösung dieser Frage bedarf noch weiterer Studien, doch hält schon der heutige Forschungsstand eine große Zahl von Beispielen für engste interkulturelle und intertextuelle Bezüge auf der Ebene der gegenseitigen Entlehnungen von Motiven und Figuren, der literarischen Formen, der Übersetzungen und Nachdichtungen, der Sprachinterferenzen und Ähnlichem bereit. Diese Erscheinungen waren vor allem für die österreichische Zeit kennzeichnend, aber auch in der rumänischen Periode blieben sie trotz der ungünstigen politischen Bedingungen erhalten. Nicht selten sind auch typologische Ähnlichkeiten festzustellen, die aus vergleichbaren sozial-historischen Umständen resultieren. Die interkulturellen Merkmale prägen nicht nur die Entwicklung der multinationalen Literatur des Landes, sondern auch die bildende und die angewandte Kunst, die Volksarchitektur, das Alltagsleben, die Wohnungseinrichtungen, die Kleidung, die Volksbräuche etc. – alles Zeugnisse für den synkretistischen Charakter der bukowinischen Kultur.

Trotz der historischen Turbulenzen in der Entwicklung der Bukowina und der daraus resultierenden nationalen Konfrontationen, lässt sich behaupten, dass das Prinzip der bukowinischen Eintracht vorherrschte. Dieses ermöglichte es, hier ein höchst gelungenes Modell für eine harmonische Koexistenz vieler Völker zu entwickeln, das sich als eine äußerst produktive Möglichkeit für die Regulierung zwischenethnischer Beziehungen bewährte und heute als Prototyp eines vereinten Europas interpretiert werden kann.

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