[Jahrestagung Collegium Carolinum] Der Prager Frühling als Laboratorium einer neuen Gesellschaft

26.10.2017 - 29.10.2017

Vom 26. bis 29. Oktober 2017 widmet sich die Jahrestagung des Collegium Carolinum dem "Prager Frühling als Laboratorium einer neuen Gesellschaft". Sie findet statt in Kooperation mit der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien München-Regensburg und dem Ústav pro soudobé dejiny AV CR, Praha. Tagungsort ist Bad Wiessee.

Der Prager Frühling steht in einer Reihe von Reformbewegungen oder Aufständen gegen die sowjetische bzw. postsowjetische Ordnung in Europa. Ein Bekenntnis zu europäischen Traditionenund die Abwehr sowjetischer respektive russischer Dominanz verbinden Bewegungen und Aufstände,die sich hinter den Chiffren „Ungarischer Volksaufstand von 1956“, „Solidarność“ oder „Euromaidan“ verbergen. Auch den Prager Frühling kann man als eine Etappe der kolonialen bzw. postkolonialen Geschichte des östlichen Europa erzählen.

Aus der Rückschau erscheint der Prager Frühling als ein kohärenter und letztlich erfolgloser Versuch, zu einer Synthese von westlicher Demokratie und Sozialismus zu gelangen. Doch wird dabei übersehen, dass in der Tschechoslowakei im Prager Frühling verschiedene Gruppen und Individuen mit durchaus unterschiedlichen professionellen, generationenspezifischen, nationalen oder gender-bezogenen Erfahrungen in die Entwicklung einbezogen wurden und diese mitprägten. Was aus derRückschau als eine zielgerichtete Reformbewegung oder als „interrupted revolution“ erscheint, war aus der zeitgenössischen Perspektive eher mit der Situation eines Labors zu vergleichen, in dem mit ungewissen Ergebnissen an neuen Synthesen gearbeitet wurde. Mit dem Begriff des Prager Frühlings sind dabei nicht nur die wenigen dramatischen Monate im Frühjahr und Sommer 1968 gemeint, sondern ein gestreckter Zeitraum seit der Mitte der sechziger Jahre, der mit der Invasion derWarschauer-Pakt-Staaten keineswegs abrupt vollständig abbricht.

Im Zentrum der Konferenz steht die Frage, wie der Wandel des Prager Frühlings von den Akteuren gedeutet, betrieben oder konterkariert wurde. Von welchen Erfahrungen und welchen Erwartungshorizonten wurden die verschiedenen politischen, gewerkschaftlichen, künstlerischen,wissenschaftlichen, studentischen etc. Akteure geleitet? Wie entstanden aus dem Spannungsverhältnis von Erfahrungen und Erwartungen individuelle oder kollektive Handlungsprogramme? Im Rahmen welcher Narrative wurde das Geschehen gedeutet? Welcher Rhetorik bedienten sich die Akteure des Prager Frühlings? Welche Bedeutung hatten Emotionen im politischen und gesellschaftlichen Wandel?

Ein wesentlicher Aspekt der Fragestellung betrifft die Verortung der Akteure des Prager Frühlings im Verhältnis zu Westeuropa bzw. den USA und zur Sowjetunion. In welchem Maße wurde der Reformprozess von der Vorstellung einer Konvergenz von West und Ost geprägt? Welche blocküberschreitenden Transfers und Verflechtungen lassen sich feststellen? Welche neuen Raumsemiotiken entstanden im Prager Frühling? Die Konferenz fragt nach den Politik- und Gesellschaftsvorstellungen und Reformplänen der Akteure, insbesondere soll es um die Frage gehen, wie das Zusammenwirken von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst in der Tschechoslowakei neu gedacht wurde. Dabei sind auch auf die verschiedenen Entwicklungsdynamiken in Tschechien und der Slowakei zu achten.

Programm 2017 (pdf)

Konzeption der Tagung: Martin Schulze Wessel

Kontakt und Anmeldung: per E-Mail an Pavla Šimková

Zeit: 26.-29.10.2016

Ort: Hotel Wiesseer Hof, Sanktjohanserstr. 46, 83707 Bad Wiessee

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