[Regensburg] Von den Rändern Europas – Želimir Žilnik-Filmwoche: Auftakt

10.11.2015 (17:00 - 21:00)

Auftakt der Želimir Žilnik-Filmwoche, die vom 10. bis 13. November 2015 in Regensburg stattfindet: Kurzfilmretrospektive, Gesprächsrunde mit dem Regisseur und Präsentation des Langfilms "Die alte Schule des Kapitalismus" (Serbien 2009) ab 17 Uhr in den Kinos im Andreasstadel, Andreasstraße 28, 93059 Regensburg. 

Eine Veranstaltung der Studiengruppe „Social Sorting“ der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien zusammen mit Donumenta e.V., der Fachschaft Südost und dem Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS).

 

Programm am Dienstag, 10. November 2015,  17.00 – 21.00 Uhr

Kinos im Andreasstadel, Andreasstraße 28, 93059 Regensburg (der Eintritt ist für Mitglieder der Graduiertenschule frei!)

  • Kurzfilmretrospektive (17:00 – 18:20 Uhr)

Journal der Dorfjugend im Winter (Žurnal o omladini na selu, zimi), Jugoslawien 1967 (15’)
Kleine Pioniere (Pioniri maleni), Jugoslawien 1968 (18’)
Die Arbeitslosen (Nezaposleni ljudi), Jugoslawien 1968 (13‘)
Schwarzer Film (Crni film), Jugoslawien 1971 (14‘)
Inventur Metzstrasse, BRD 1975 (9’)
Ich weiß nicht was soll es bedeuten, BRD 1975 (10‘)

  • Gesprächsrunde (18:30-19:00 Uhr) mit Želimir Žilnik und Insa Wiese (Regensburger Kurzfilmfestivals)
  • Langfilm (19:00-21:00 Uhr)

Die alte Schule des Kapitalismus (Stara škola kapitalizma), Serbien 2009 (122’)

 

Seit Ende der 60er Jahre ist der in Novi Sad in Serbien lebende Želimir Žilnik (*1942) als Regisseur von Kurz-, Dokumentar-, Spiel-, Essay- und Fernsehfilmen aktiv. Stets radikal unabhängig, hat er in dieser Zeit ein Werk geschaffen, das die jeweilige Gesellschaft und ihre politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen genau und kritisch reflektiert – das sozialistische Jugoslawien, die BRD der 70er Jahre, die Auflösungstendenzen Jugoslawiens nach Titos Tod, die Kriege der 90er Jahre, die Transformationsprozesse zu freien Marktwirtschaften und die neuen Grenzziehungen in Europa.

Žilniks erste Kurzfilme Ende der 60er Jahre sind kühne Mischungen aus agitatorischen und dokumentarischen Elementen, die selbstreflexiv Kritik am herrschenden System üben. Mit Dušan Makavejev, Lazar Stojanović, Karpo Godina und anderen gehörte er zu einer jungen Generation von Filmemachern, die kreativ provozierend die erstarrte Politik herausforderten. Den von Kulturfunktionären zu ihrer Diffamierung erdachten Begriff der "Schwarzen Welle" griff Žilnik in Schwarzer Film von 1971 ironisch auf. Mit seinem ersten langen Spielfilm Frühe Werkegewann Žilnik 1969 den Goldenen Bären der Berlinale und internationale Anerkennung.

In seiner Heimat aber bekam er damit Probleme. Seinen nächsten Spielfilm konnte er nicht beenden und wurde faktisch mit einem Arbeitsverbot belegt. 1973 verließ er Jugoslawien und ging in die Bundesrepublik Deutschland. Dort entstanden sieben kurze, meist mit "Gastarbeitern" gedrehte Dokumentarfilme und ein Spielfilm. Aber auch in der Demokratie eckte er an. Seine filmische Auseinandersetzung mit dem Terrorismus der 70er Jahren und deren massenmedialer Ausschlachtung führte zu einer polizeilichen Hausdurchsuchung und seiner hastigen Abschiebung aus Deutschland: Wegen eines angeblich abgelaufenen Touristenstatus‘ musste er das Land verlassen.

Zurück in Jugoslawien fand er beim Fernsehen eine neue Arbeitsmöglichkeit, wo er billig und einfach produzierte Filme über das Alltagsleben von Menschen drehte. Dort entwickelte er sein Regieverfahren des "Doku-Dramas", einer Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm, das von realen Erlebnissen ausgeht und mit inszenierten Szenen und Dialogen fiktiv verdichtet wird. Die Laiendarsteller spielen dabei sich selbst, greifen auf ihre eigenen Erfahrungen zurück und erhalten einen Raum, in dem sie sich und ihr "Drama" ausdrücken und präsentieren können. Die minimalistische, "rohe" Ästhetik verstärkt den Anschein des Echten und Unverstellten.

In den letzten Jahren richtete Želimir Žilnik seinen Fokus verstärkt auf die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in den Staaten Südosteuropas und auf die Menschen, die dabei unter die Räder kommen, sowie auf Migrationsbewegungen und Abschottungstendenzen der Europäischen Union.

 

Filmbeschreibungen

Journal der Dorfjugend im Winter (Žurnal o omladini na selu, zimi), Jugoslawien 1967 (15’): Bereits in Žilniks Debütfilm, istsein Stil der dokumentarischen Fiktion oder arrangierten Dokumentation angelegt. Er beobachtet junge Menschen in der Vojvodina im Winter bei der Freizeit: in Bars, beim Tanzen, im Weinkeller, zwischen Leere und überschäumender Lebensenergie.

Kleine Pioniere (Pioniri maleni), Jugoslawien 1968 (18’): Kinder und Jugendliche, von der Gesellschaft allein gelassen, erzählen vor der Kamera freimütig über ihre Erlebnisse, vom Leben auf der Straße, vom Stehlen, von Missbrauch und Gewalt.

Die Arbeitslosen (Nezaposleni ljudi), Jugoslawien 1968 (13‘): Žilnik konfrontiert mehrere Arbeitslose mit einer Reihe von Fragen, die, zusammengeschnitten, ein universelles Bild der Arbeitslosigkeit abgeben. Vom sozialistischen Optimismus ist hier nichts zu spüren.

Schwarzer Film (Crni film), Jugoslawien 1971 (14‘): Eines Nachts liest Žilnik zehn (laut offizieller Diktion nicht existierende) Obdachlose von den Straßen Novi Sads auf und bringt sie zu sich nach Hause. Während sie sich in der Zwei-Zimmer-Wohnung, die der Regisseur mit seiner Frau und der kleinen Tochter bewohnt, aufhalten, fragt Žilnik Passanten auf der Straße nach der Lösung des Problems.

Inventur Metzstrasse, BRD 1975 (9’): Der Film zeigt die Bewohner eines alten Mietshauses – überwiegend "Gastarbeiter" –, die sich und ihre Lebensumstände kurz vorstellen. Als ihre eigenen Darsteller in einem streng strukturalistischen Setting bestimmen sie selbst, was und wie viel sie von sich preisgeben. 

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, BRD 1975 (10‘): Eine amüsante Parodie auf die deutsche Romantik und ihre Überformung in den Kitsch mit Versionen von Heinrich Heines Lorelei.

Die alte Schule des Kapitalismus (Stara škola kapitalizma), Serbien 2009 (122’): Das Ende des Staatssozialismus bedeutet für Serbien den Eintritt in den globalen Kapitalismus. Vor dem realen Hintergrund einer Serie von Fabrik-Streiks stürmt eine Gruppe von Arbeitern ihre Fabrik, nur um festzustellen, dass die Bosse sich schon alles unter den Nagel gerissen haben. Junge Anarchisten entführen daraufhin in einem Akt der Solidarität den Unternehmer. Der Besuch eines russischen Großindustriellen und des amerikanischen Vizepräsidenten Joe Biden verkompliziert die Lage weiter.

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