Werkstattgespräch: "Jenseits des nationalen Konflikts: Wohlfahrt und Nationalismus im Protektorat Böhmen und Mähren"

15.09.2014 (14:00)

Neben der Repression bildete die Sozialpolitik einen konstitutiven Bestandteil der Besatzungspraxis im Protektorat Böhmen und Mähren. Grundlegend für die dortigen Lebensbedingungen waren in diesem Zusammenhang zunächst die große rüstungswirtschaftliche Bedeutung der Region sowie die umfangreichen Pläne zur Germanisierung der tschechischen Bevölkerung, ferner die für die Sozialpolitik verfügbaren wirtschaftlichen Ressourcen. Allerdings besaßen noch weitere Faktoren Einfluss darauf, in welchem Maße die Menschen von diesem Wohlfahrtssystem profitierten. So scheint es, dass die Gründung der tschechischen Sammlungsbewegung Národní souručenství (Nationale Gemeinschaft) eine wichtige Rolle für die Organisation der Wohlfahrt im Protektorat sowie für die Verteilung sozialpolitischer Leistungen unter der Bevölkerung spielte. Einher ging dies mit einer systematischen Konsolidierung einer tschechischen solidarischen "Gemeinschaft" durch eine intensive Verwendung nationaler Symbole und Traditionen. Die Sozialpolitik erscheint somit als ein wichtiges Instrument für die Durchsetzung sowohl tschechischer als auch deutscher Interessen im Protektorat – allerdings unter unterschiedlichen Vorzeichen: Ging es den tschechischen Verantwortlichen vor allem um die nationale Selbstbehauptung unter den Bedingungen der Okkupation, wollte die deutsche Besatzungsmacht die tschechische Bevölkerung für das Protektorat – und damit auch für das „Dritte Reich“ – mobilisieren.

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