[Workshop München] Der Politische Totenkult in der Ukraine: Traditionen und Ausprägungen von der Sowjetzeit bis heute

09.07.2015 - 11.07.2015

Der Politische Totenkult in der Ukraine: Traditionen und Ausprägungen von der Sowjetzeit bis heute ist Thema einer wissenschaftlichen Tagung, die Dr. Iryna Sklokina (Nationale Karazin Universität Charkiv) und Prof. Dr. Guido Hausmann (LMU München) in Kooperation mit der Graduiertenschule vom 9.-11. Juli 2015 in München organisieren.

Historische Forschungen über den politischen Totenkult haben in den letzten zwanzig Jahren aus drei Gründen besonderes Interesse gefunden: erstens durch die Verarbeitung von Kriegs- und Gewalterfahrungen, zweitens durch die Erforschung von Nations- und Staatsbildung und in Verbindung damit politischen Führerkulten sowie drittens durch Forschungen über Erinnerungskulturen und –orte. Grundlegende Arbeiten stammen von dem amerikanischen Historiker George Mosse (1918-1999) und dem deutschen Historiker Reinhart Koselleck (1923-2006). Im Unterschied zu allgemeinen Formen des Totengedenkens meint der politische Totenkult das öffentliche Gedenken an „Funktionsträger politischer Handlungseinheiten“ (Manfred Hettling 2009), das heißt vor allem an gefallene Soldaten und staatliche Repräsentanten bzw. Amtsträger, weniger dagegen an zivile Tote. Die historische Forschung fragt vor allem nach der jeweiligen politischen Legitimation des Soldatentodes und von politischen Führern. In bürgerlichen Demokratien - und auch in anderen staatlichen Ordnungen -erwartet die Gesellschaft eine Antwort des Staates auf die Frage, wofür der Soldat gestorben ist.

Das Thema ist für das östliche Europa bisher nur sporadisch aufgegriffen worden, es zeigt sich aber ein neues Interesse. Es konzentriert sich zum Teil auf den Tod des sowjetischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg und dessen Instrumentalisierung durch den Sowjetstaat, reicht aber inzwischen darüber hinaus und öffnet sich auch für weitere Themen und Fragen. Die wissenschaftliche Konferenz geht aus der Arbeit an dem internationalen Forschungsprojekt ‚Region, Nation and Beyond. A Transcultural and Interdisciplinary Reconceptualization of Ukraine‘ hervor (geleitet von Prof. Ulrich Schmid, Universität St. Gallen), in dem die beiden Organisatoren der Konferenz  Iryna Sklokina (Charkiv) und Guido Hausmann (München) im Rahmen des Teilbereiches Geschichte mitarbeiten.

Vier allgemeine Annahmen leiten das Interesse der Tagung und führen zu entsprechenden Themen und Forschungsfragen:

Erstens: In der Ukraine gab und gibt es – im Unterschied zu einigen anderen europäischen Ländern wie Deutschland - einen ausgeprägten Politischen Totenkult. Er prägte sich vor allem im sowjetischen Kontext aus und konzentrierte sich auf politische Führer und auf die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten, erst nach 1991 auch auf die gefallenen Soldaten des sowjetischen Afghanistankrieges und jüngst auf die ‚Himmlischen Hundert‘ des Majdan und allgemeiner auf die Toten des Russisch-Ukrainischen Krieges. Wichtigste regionale Sonderentwicklung war der nach 1991 in der Westukraine, besonders in Lviv, entstandene Kult der gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges (ein Gegenkult zu den gefallenen polnischen Soldaten). Entstehung und Wandel dieser Kulte werden ein wichtiges Thema der Konferenz sein.

Zweitens: Die Konferenz möchte die Annahme der notwendigen strikten Trennung zwischen dem politischen Totenkult und dem zivilen Totengedächtnis in der historischen Erforschung des Politischen Totenkultes hinterfragen. Führte nicht auch der zivile Tod zu einem politischen Legitimationsbedürfnis? Wurden ziviler und politischer Totenkult immer getrennt? Lassen sich verschiedene Formen der Legitimierung unterscheiden?

Drittens: Es gibt kulturell bedingte Sonderentwicklungen des politischen Totenkultes in der Ukraine, die eng mit der historischen Entwicklung der Ukraine zusammenhängen. Hervorheben lassen sich hier der ukrainische Nations- und Staatsbildungsprozess sowie die regional unterschiedlichen religiösen Prägungen. In europageschichtlicher Perspektive lässt sich fragen, ob die Spaltung in einen offiziellen (sowjetischen) Kult des gefallenen Rotarmisten und einen nach 1991 in die Öffentlichkeit präsenten und vor allem in der Westukraine beheimateten Gegenkult um Stepan Bandera und die UPA eine exklusiv ukrainische Entwicklung darstellt. Regionale Entwicklungen deuten zudem auf plurale und transnationale kulturelle Muster hin, die man sowohl als einen „Reichtum“ an kulturellen Ausprägungen deuten kann als auch als ein Defizit an nationaler bzw. kultureller Einheit. Das zeigt sich in der Formensprache der Denkmale, rituellen Praktiken und politischen Legitimationsmustern.

Viertens: Auch in der Ukraine zeigt sich der universelle Trend der Individualisierung des Gedenkens. Das wird etwa an den Gedenkbüchern der Toten des Afghanistankrieges mit den Portraits einzelner gefallener Soldaten deutlich, zeigt sich aber auch in den Formen der Verehrung der Toten des Majdan im Jahr 2014. Individuelles Gedenken, kollektive Opfersymbolik und politischer Gründungsmythos fallen darin zusammen.

Die Konferenz wird fünf Sektionen haben. I.Der Politische Totenkult: Das Konzept im Kontext der ukrainischen Geschichte, II. Das sowjetische Erbe in unterschiedlichen Regionen der Ukraine, III. Einflüsse der Nachbarstaaten, Einflüsse auf die Nachbarstaaten. IV. Gedenken an die Toten des Afghanistankrieges und internationaler Einsätze in der Ukraine nach 1991, V. Die „Helden der Himmlischen Hundertschaft“: Die Toten des Majdan als neuer politischer Gründungsmythos.

Konferenzsprache ist Englisch.

Die Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien der LMU München ist Mitveranstalter der Konferenz.

Kontaktperson für organisatorische Fragen (An- und Abreise, Unterkunft) ist Boris Ganichev.

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