Workshop Regensburg: Exil-Diaspora-Transnationalität

21.11.2014

Nach der kulturwissenschaftlichen Wende in den Philologien hat sich in den letzten Jahrzehnten auch das literaturwissenschaftliche Interesse zunehmend auf multikulturelle Phänomene und diverse Formen der Hybridität fokussiert. Dabei wurde der Begriff der jüdischen Diaspora von einem paradigmatischen Fall zu einer weiteren „post“- (-modernen bzw. -kolonialen) Metapher aufgegriffen und entwickelt. Was die Diaspora-Definition für die interdisziplinär besetzte Studiengruppe (Kunst Literatur, Film und Theater) besonders interessant macht, ist der Versuch, die bislang ausschließlich negative Konnotation des Begriffs zu revidieren. Gegen die Sichtweise von Babylon als ausschließlicher Erfahrung von Versklavung, Exil und Vertreibung der jüdischen Diaspora setzt u.a. der amerikanische Soziologe Robin Cohen die Einsicht, dass das Leben in einer kulturell pluralen fremden Kultur unter
Umständen durchaus vorteilhaft sein kann. Daher schlägt er im positiven Sinne die Möglichkeit eines eigenständigen, kreativen und bereichernden Lebens in pluralistisch verfassten Residenzgesellschaften als ein weiteres Diaspora-Merkmal vor. Dies trifft vor allem auf den Typ der sogenannten „kulturellen Diaspora“ zu, die ein Resultat kolonialer Erfahrung und sich daran anschließender postkolonialer Migrationsprozeße darstellt und deren verbindendes Element eher kultureller als ethnischer Natur ist. Demgegenüber geht es Stuart Hall um „zerstreute Stämme“, deren Identität nur im Verhältnis zu einem gelobten Heimatland gesichert werden kann. Er benutzt den Diaspora-Begriff in einem metaphorischen Sinne, der nicht von Essenz oder Reinheit ausgeht, sondern von einer Anerkennung notwendiger Heterogenität und Verschiedenheit. Hall sieht in dem veränderten Charakter der Transnationalität gegenläufige Tendenzen einer homogenisierenden und assimilierenden Globalisierung und einer sich gleichzeitig verstärkenden Lokalisierung in Form von Ethnizität, Nationalismus und religiösem Fundamentalismus.
Dies hat zur Folge, dass kulturelle Identitäten entstehen, die „im Übergang“ begriffen sind und sogenannte „Kulturen der Hybridität“ ausbilden, „Produkte mehrerer ineinandergreifender Geschichten und Kulturen“ darstellen und gleichzeitig mehreren „Heimaten“ angehören. Dabei beziehen sich die Träger solcher Kulturen auf unterschiedliche Traditionen und versöhnen Altes und Neues miteinander, ohne sich dabei zu assimilieren oder die Vergangenheit völlig zu verlieren. Auf der Basis dieser theoretischen Konzepte und Überlegungen soll im Workshop über die Fächergrenzen hinaus, ein Dialog geführt werden.

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