Dr. Jan Arend

Alumnus und ehemaliger Postdoktorand der Graduiertenschule

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Eberhard Karls Universität Tübingen
Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde
Wilhelmstr. 36
72074 Tübingen

Forschungsprojekte

Stress im Spät- und Postsozialismus. Zum gesellschaftlichen Umgang mit Belastungserfahrungen in Ostdeutschland und der Tschechoslowakei/Tschechien, 1970-2000

Postdoc-Projekt an der Graduiertenschule; eigene Stelle gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), 2018–2021

Dieses Projekt untersucht am Beispiel Ostdeutschlands und der Tschechoslowakei/Tschechiens erstmals den gesellschaftlichen Umgang mit Stress im spät- und postsozialistischen Zentraleuropa. "Stress" wird dabei als konkreter Quellenbegriff verstanden, der sich im staatssozialistischen Kontext seit den 1970er Jahren vielfach nachweisen lässt und Belastungserscheinungen bezeichnet, die sich charakteristischerweise zugleich körperlich und psychisch manifestieren. Im Spät- und Postsozialismus zog Stress einerseits das Interesse von Experten aus Medizin und Psychologie auf sich und wurde andererseits für große Teile der Bevölkerung zu einer emotionalen Leiterfahrung des gesellschaftlichen Umbruchs. Das Projekt analysiert für den Zeitraum zwischen ungefähr 1970 und 2000 stressbezogene Praktiken und Diskurse und fragt nach deren gesellschaftlichen und politischen Funktionen im Staatssozialismus einerseits und im Postsozialismus andererseits.

Die historische Forschung hat Stress bislang überwiegend als Reaktion auf kapitalistische und neoliberale Lebens- und Arbeitsverhältnisse gedeutet und den Themenkomplex deshalb kulturell im Westen verortet. Dabei wird zu wenig berücksichtigt, dass Stress seit den 1970er Jahren zunehmend auch in den staatssozialistischen Gesellschaften östlich des "Eisernen Vorhangs" als Problem wahrgenommen und debattiert wurde. Auch der Aufstieg von Stress zu einem bestimmenden gesellschaftlichen Thema in den Transformationsgesellschaften nach 1989/90 ist nicht genügend erforscht worden. Dieses Projekt füllt diese Forschungslücke und beleuchtet damit einen zentralen, von den Zeitgenossen oft bemerkten Aspekt der Transformationserfahrung nach 1989 mitsamt seiner weitgehend übersehenen Vorgeschichte seit den 1970er Jahren. Auf diese Weise leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der gesellschaftlichen Umbrüche im Übergang vom Plan zum Markt.

Siehe auch die Projektskizze in Newsletter Nr. 11, Wintersemester 2018/19, der Graduiertenschule

 

Russlands Bodenkunde in der Welt. Eine ost-westliche Transfergeschichte 1880-1945 [abgeschlossen]

Promotionsprojekt an der Graduiertenschule

Im Sommer 1914 schickte der russische Agrarwissenschaftler und Bodenkundler Konstantin Glinka ein Manuskript nach Berlin, wo ein deutscher Verlag es veröffentlichte. Es handelte sich um die erste an eine ausländische Leserschaft gerichtete Darstellung der russischen Bodenkunde, einer frühökologischen Lehre vom Boden, die auf der Erforschung der Schwarzerde fußte. Dies war der Beginn einer kaum bekannten Erfolgsgeschichte – eines umfassenden Wissenstransfers von Ost nach West.

Das Projekt rekonstruiert erstmals die Infrastruktur und Feinmechanik dieses komplexen historischen Transferprozesses und zeigt auf, wie eine anfangs tief in russischen Kontexten verwurzelte Wissenschaft schließlich internationale Geltung erlangte. Wie kaum ein anderer Wissensbestand ist das Wissen über Böden zunächst lokal und regional verhaftet. Das Projekt führt vor Augen, wie ein solch „bodenständiges“ Wissen über nationale Grenzen hinweg verhandelbar gemacht und in neue politische und kulturelle Kontexte übertragen werden kann.

Siehe auch die Projektskizze in Newsletter Nr. 6, Sommersemester 2016, der Graduiertenschule

Die Studie ist als Band 6 der Reihe "Schnittstellen. Studien zum östlichen und südöstlichen Europa" erschienen.

Curriculum Vitae

Geboren 1981 in Zürich. 2002 bis 2004 vier Semester Medizinstudium in Zürich. 2004 bis 2010 Studium der Osteuropäischen Geschichte, Allgemeinen Geschichte, Slavistik und Politikwissenschaften in Basel und München. 2010 Master of Arts an der LMU München (Elitestudiengang Osteuropastudien). 2007-2011 Mitarbeit im Forschungsprojekt "Das Schtetl in der Sowjetunion" an der Universität Basel (Prof. Heiko Haumann). 2009-2010 Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (Stipendium zur wissenschaftlichen Aus- und Fortbildung in Deutschland). 2011-2017 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte Ost- und Südosteuropas der LMU München; seit 2013 assoziierter Doktorand der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien. Februar 2016 Promotion. November 2017 bis Oktober 2018 Postdoktorand der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien. Seit Oktober 2018 (bis 2021) Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft als "eigene Stelle" am Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Universität Tübingen.

Curriculum Vitae als .pdf

Funktionen und Mitgliedschaften

Publikationen

Publikationsliste

Vorträge (Auswahl)

2018

"East-to-West Knowledge Transfer Stories. The Example of Soil Science, 1910-1945" (Jahrestagung der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien "Studying East and Southeast Europe as Area Studies: Paradigms - Themes - Methods for the 21st Century", München, 25.-27.10.2018)

Jan Arend