Dr. Jan Arend

Kontakt

Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien
Ludwig-Maximilians-Universität München
Maria-Theresia-Str. 21

81675 München


Tel.: +49 (0)89 / 2180 - 9598

Forschungsprojekte

Stress im Spät- und Postsozialismus. Zum gesellschaftlichen Umgang mit Belastungserfahrungen in Ostdeutschland und der Tschechoslowakei/Tschechien, 1970-2000

Dieses Projekt untersucht am Beispiel Ostdeutschlands und der Tschechoslowakei/Tschechiens erstmals den gesellschaftlichen Umgang mit Stress im spät- und postsozialistischen Zentraleuropa. "Stress" wird dabei als konkreter Quellenbegriff verstanden, der sich im staatssozialistischen Kontext seit den 1970er Jahren vielfach nachweisen lässt und Belastungserscheinungen bezeichnet, die sich charakteristischerweise zugleich körperlich und psychisch manifestieren. Im Spät- und Postsozialismus zog Stress einerseits das Interesse von Experten aus Medizin und Psychologie auf sich und wurde andererseits für große Teile der Bevölkerung zu einer emotionalen Leiterfahrung des gesellschaftlichen Umbruchs. Das Projekt analysiert für den Zeitraum zwischen ungefähr 1970 und 2000 stressbezogene Praktiken und Diskurse und fragt nach deren gesellschaftlichen und politischen Funktionen im Staatssozialismus einerseits und im Postsozialismus andererseits.

Die historische Forschung hat Stress bislang überwiegend als Reaktion auf kapitalistische und neoliberale Lebens- und Arbeitsverhältnisse gedeutet und den Themenkomplex deshalb kulturell im Westen verortet. Dabei wird zu wenig berücksichtigt, dass Stress seit den 1970er Jahren zunehmend auch in den staatssozialistischen Gesellschaften östlich des "Eisernen Vorhangs" als Problem wahrgenommen und debattiert wurde. Auch der Aufstieg von Stress zu einem bestimmenden gesellschaftlichen Thema in den Transformationsgesellschaften nach 1989/90 ist nicht genügend erforscht worden. Dieses Projekt füllt diese Forschungslücke und beleuchtet damit einen zentralen, von den Zeitgenossen oft bemerkten Aspekt der Transformationserfahrung nach 1989 mitsamt seiner weitgehend übersehenen Vorgeschichte seit den 1970er Jahren. Auf diese Weise leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der gesellschaftlichen Umbrüche im Übergang vom Plan zum Markt.

 

Russlands Bodenkunde in der Welt. Eine ost-westliche Transfergeschichte 1880-1945 [abgeschlossen]

Promotionsprojekt an der Graduiertenschule

Im Sommer 1914 schickte der russische Agrarwissenschaftler und Bodenkundler Konstantin Glinka ein Manuskript nach Berlin, wo ein deutscher Verlag es veröffentlichte. Es handelte sich um die erste an eine ausländische Leserschaft gerichtete Darstellung der russischen Bodenkunde, einer frühökologischen Lehre vom Boden, die auf der Erforschung der Schwarzerde fußte. Dies war der Beginn einer kaum bekannten Erfolgsgeschichte – eines umfassenden Wissenstransfers von Ost nach West.

Das Projekt rekonstruiert erstmals die Infrastruktur und Feinmechanik dieses komplexen historischen Transferprozesses und zeigt auf, wie eine anfangs tief in russischen Kontexten verwurzelte Wissenschaft schließlich internationale Geltung erlangte. Wie kaum ein anderer Wissensbestand ist das Wissen über Böden zunächst lokal und regional verhaftet. Das Projekt führt vor Augen, wie ein solch „bodenständiges“ Wissen über nationale Grenzen hinweg verhandelbar gemacht und in neue politische und kulturelle Kontexte übertragen werden kann.

Siehe auch die Projektskizze in Newsletter Nr. 6, Sommersemester 2016, der Graduiertenschule

Die Studie ist als Band 6 der Reihe "Schnittstellen. Studien zum östlichen und südöstlichen Europa" erschienen.

Curriculum Vitae

Geboren 1981 in Zürich. 2002 bis 2004 vier Semester Medizinstudium in Zürich. 2004 bis 2010 Studium der Osteuropäischen Geschichte, Allgemeinen Geschichte, Slavistik und Politikwissenschaften in Basel und München. 2010 Master of Arts an der LMU München (Elitestudiengang Osteuropastudien). 2007-2011 Mitarbeit im Forschungsprojekt "Das Schtetl in der Sowjetunion" an der Universität Basel (Prof. Heiko Haumann). 2009-2010 Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (Stipendium zur wissenschaftlichen Aus- und Fortbildung in Deutschland). 2011-2017 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte Ost- und Südosteuropas der LMU München; seit 2013 assoziierter Doktorand der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien. Februar 2016 Promotion. Seit November 2017 Postdoktorand der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien.

Curriculum Vitae als .pdf

Funktionen und Mitgliedschaften

Publikationen

Monografien

Russlands Bodenkunde in der Welt. Eine ost-westliche Transfergeschichte 1880-1945 (= Schnittstellen. Studien zum östlichen und südöstlichen Europa; Band 6), Göttingen 2017.

Jüdische Lebensgeschichten aus der Sowjetunion. Erzählungen von Entfremdung und Rückbesinnung (= Lebenswelten Osteuropäischer Juden; Bd. 13), Köln / Wien / Weimar 2011.

Aufsätze in Zeitschriften und Sammelbänden

On Soviet Soil. Curtis Marbut’s Encounter with Rural Russia in the Stalinist Transformation. In: Věra Dvořáčková und Martin Franc (Hrsg.): Science Overcomes Borders? International Scientific Conferences, Conventions and Congresses in the 20th and 21st Centuries, Prag 2018.

Russian Science in Translation. How pochvovedenie was brought to the West, c. 1875-1945. In: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History 18 (4), 2017, S. 683-708.

Wie die Bodenkunde russisch wurde. Zur nationalen Imagebildung in den Wissenschaften. In: Christof Windgätter (Hg.): Verpackungen des Wissens. Materialität und Markenbildung in den Wissenschaften. (Maske und Kothurn 58 (2)), Wien u.a. 2012, S. 97-108.

Weshalb die "jüdische Frage" in der Sowjetunion ungelöst blieb. In: Religion und Gesellschaft in Ost und West 5/2012, S. 11-14.

Zus. mit Jörg Moehring / Kateryna Katsun / Bojidar Beremski: "Jerusalem des Nordens". Das jüdische Vilnius in Geschichte und Gedächtnis. In: Vilnius. Geschichte und Gedächtnis einer Stadt zwischen den Kulturen, Frankfurt a.M. u.a. 2010, S. 49-102.

Weitere Veröffentlichungen

"Knowledge in Flux": Wissenskulturen und Diskursivität des Wissens angesichts von Differenzierungs-, Dynamisierungs- und Transnationalisierungsprozessen (Tagungsbericht). In: H-Soz-u-Kult, 10.11.2011.

Die wissenschaftliche Selbstbeschreibung der sozialistischen Gesellschaft: Soziologie und Ethnologie / Ethnographie in Ostmittel- und Südosteuropa 1945-1989. In: Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder 48/2008. (weitere Fassung erschienen in: AHF-Information. Tagungsberichte 28, 2009).

Rezensionen

Zus. mit Anastasija Volkova: Oldfield, J., Lajus, J., Shaw, D. J. B. Conceptualizing And Utilizing the Natural Environment: Critical Reflections From Imperial And Soviet Russia. Special Issue Of The Slavonic And East European Review 93 (1), 2015. In: Voprosy Istorii Estestvoznanija i Techniki 3/2016, S. 595-599.

Steppe und Wald im Zarenreich. In: H-Soz-u-Kult, 13.05.2014.

Stephen Brain: Song of the Forest. Russian Forestry and Stalinist Environmentalism, 1905-1953. In: Osteuropa 4/2013, S. 122-123.

Michail D. Dolbilov: Russkij kraj, čužaja vera. Ėtnokonfessional'naja politika imperii v Litve i Belorussii pri Aleksandre II. [Russisches Land, fremder Glaube. Die ethnokonfessionelle Politik des Imperiums in Litauen und Weißrussland unter Aleksandr II.], Moskva 2010. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 60 (2), 2012, S. 275-277.

Wider das "halbierte Bewusstsein"? Neuere Beiträge zu einer blockübergreifenden Perspektive auf das Jahr 1968. In: Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder 49 (2), 2009, S. 445-453.

Jan Arend