Dr. Jan Arend

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Ludwig-Maximilians-Universität München
Historisches Seminar der LMU
Geschichte Ost- und Südosteuropas
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Promotionsprojekt (abgeschlossen)

Wie die russische Bodenkunde 'klassisch' wurde. Wissenstransfer und Internationalität des Wissens in Agrarwissenschaften und agrarpolitischer Expertise 1880-1945

Treffen sich ein deutscher Bodenkundler, ein amerikanischer Soil Scientist und ein russischer Počvoved – was wie der Anfang eines Witzes klingt, den man auf den Gängen einschlägiger Forschungsinstitute zu hören bekommen könnte, beschreibt in Wahrheit eine wissens- und wissenschaftsgeschichtlich aufschlussreiche Begegnung, die sich so im Jahr 1910 in Stockholm ereignete. Hier trafen auf einer internationalen Konferenz zu einem der ersten Male Bodenwissenschaftler aus verschiedenen Ländern zusammen, um sich über den Stand des Wissens in der Erforschung des Erdbodens auszutauschen. Sie taten dies im Bewusstsein, dass ihr Forschungsgegenstand eine volkswirtschaftlich vitale Ressource darstellte, deren Bedeutung angesichts von Bevölkerungswachstum und Konkurrenz auf den internationalen Märkten für landwirtschaftliche Produkte stetig größer wurde. Bisher hatten die an der Stockholmer Konferenz teilnehmenden Forscher in erster Linie die Böden ihrer Heimatländer erforscht und auf dieser Grundlage unterschiedliche Ansätze der Bodenwissenschaften entwickelt. Nun verglichen sie ihre nicht immer kompatiblen Sichtweisen und Ergebnisse.

Ausgehend von der Überlegung, dass die Orte und Räume, in denen wissenschaftliches Wissen entsteht, für die Form und Eigenart dieses Wissens bedeutsam sind, fragt dieses Projekt vergleichend nach den umwelt-, kultur- und politikgeschichtlichen Kontexten der Erforschung von Erdböden in Russland, Deutschland und den USA. Wie wirkten sich die Unterschiede zwischen den Naturräumen, in denen sich Forscher in Russland, den USA und Deutschland bewegten, auf die Wissensproduktion aus? Inwiefern konnten Bodenwissenschaftler mit ihren Diskursen an bestehende nationale Natur- und Bodenmythen anknüpfen? Wie beeinflussten die Strukturen nationaler Agrar- und Wissenschaftspolitik die Chancen für die Etablierung bodenwissenschaftlicher Ansätze?

Durch die komparative Beschäftigung mit solchen Fragen zeichnet die Arbeit die Entstehung eines bodenwissenschaftlichen Forschungsfeldes nach und fragt inwiefern dessen Institutionalisierung in den drei nationalen Kontexten gelang. Auf diese Weise soll exemplarisch zu einem Verständnis der übergeordneten Frage beigetragen werden, weshalb bestimmte wissenschaftliche Ansätze und Disziplinen an bestimmten Orten entstehen bzw. einflussreich werden können und an anderen nicht.

Siehe auch die Projektskizze in Newsletter Nr. 6, Sommersemester 2016, der Graduiertenschule

Die Studie ist als Band 6 der Reihe "Schnittstellen. Studien zum östlichen und südöstlichen Europa" erschienen.

Curriculum Vitae

Geboren 1981 in Zürich. 2002 bis 2004 vier Semester Medizinstudium in Zürich. 2004 bis 2010 Studium der Osteuropäischen Geschichte, Allgemeinen Geschichte, Slavistik und Politikwissenschaften in Basel und München. 2010 Master of Arts an der LMU München (Elitestudiengang Osteuropastudien). 2007-2011 Mitarbeit im Forschungsprojekt "Das Schtetl in der Sowjetunion" an der Universität Basel (Prof. Heiko Haumann). Seit 2010 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte Ost- und Südosteuropas der LMU München; assoziierter Doktorand der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien. Februar 2016 Promotion.

Stipendien

Studienstiftung des deutschen Volkes (2009-2010), Deutscher Akademischer Austauschdienst: Stipendium zur wissenschaftlichen Aus- und Fortbildung in Deutschland (2009-2010)

Publikationen

Monografien

Russlands Bodenkunde in der Welt. Eine ost-westliche Transfergeschichte 1880–1945. (= Schnittstellen. Studien zum östlichen und südöstlichen Europa; Band 6), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2017.

Jüdische Lebensgeschichten aus der Sowjetunion. Erzählungen von Entfremdung und Rückbesinnung. (= Lebenswelten Osteuropäischer Juden; Bd. 13), Köln/Wien/Weimar: Böhlau, 2011.

Aufsätze

Russian Science in Translation. How pochvovedenie was brought to the West, c. 1875–1945. In: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History 18 (4) 2017.

Wie die Bodenkunde russisch wurde. Zur nationalen Imagebildung in den Wissenschaften. In: Christof Windgätter (Hrsg.): Verpackungen des Wissens. Materialität und Markenbildung in den Wissenschaften. (Maske und Kothurn 58 2 2012). Wien u.a. 2012, 97-108.

Weshalb die „jüdische Frage“ in der Sowjetunion ungelöst blieb. In: Religion und Gesellschaft in Ost und West 5 (2012) 11-14.

Mit Jörg Moehring, Kateryna Katsun, Bojidar Beremski: „Jerusalem des Nordens“. Das jüdische Vilnius in Geschichte und Gedächtnis. In: Vilnius. Geschichte und Gedächtnis einer Stadt zwischen den Kulturen. Frankfurt a.M. u.a. 2010, 49-102.

Tagungsberichte

„Knowledge in Flux“: Wissenskulturen und Diskursivität des Wissens angesichts von Differenzierungs-, Dynamisierungs- und Transnationalisierungsprozessen. 12.09.2011-17.9.2011, Marburg, in: H-Soz-u-Kult, 10.11.2011 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3923>.

Die wissenschaftliche Selbstbeschreibung der sozialistischen Gesellschaft: Soziologie und Ethnologie/Ethnographie in Ostmittel- und Südosteuropa 1945-1989. In: Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder 48 2008.

Rezensionen

Stephen Brain: Song of the Forest. Russian Forestry and Stalinist Environmentalism, 1905-1953. In: Osteuropa 4 2013, 122-123.

Michail D. Dolbilov: Russkij kraj, čužaja vera. Ėtnokonfessional’naja politika imperii v Litve i Belorussii pri Aleksandre II. [Russisches Land, fremder Glaube. Die ethnokonfessionelle Politik des Imperiums in Litauen und Weißrussland unter Aleksandr II.] Moskva 2010. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 60 2 2012, 275-277.

Wider das „halbierte Bewusstsein“? Neuere Beiträge zu einer blockübergreifenden Perspektive auf das Jahr 1968. In: Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder 49 2 2009 445-453.

Jan Arend