Michael Whitaker Dean

Visiting Fellow (München), Januar bis März 2015

Für drei Monate ist der Historiker Michael Whitaker Dean Gastwissenschaftler in München. Dean ist Historiker und hat 2014 seine Dissertation zum Thema ““What the Heart Unites, the Sea Shall Not Divide”: Czech Nation-Building in the Age of Empire, 1848-1938” an der University of California, Berkeley abgeschlossen.

Über sein Promotionsprojekt:

Das Projekt stellt das Schicksal einer kleinen Nation im imperialen Zeitalter vor. Von 1848 bis in die Zwischenkriegszeit ließen sich tschechische Liberale bei ihrem Nationsbildungsprojekt von der Sprache des europäischen Kolonialismus inspirieren. Ermöglicht wurde diese Konzeptualisierung durch die Massenauswanderung von Bauern und Arbeitern. Während des Aufstiegs der Nationalbewegung in der Mitte des 19. Jahrhunderts emigrierten Tausende von Tschechen noch nach Übersee. Welche Auswirkung hatte eine große Verstreuung des Volkes überall in der Welt auf die Existenz einer kleinen Nation? Obwohl die Auswanderung den patriotischen Aufruf zur ethnischen Solidarität zu vereiteln drohte, bot die Anwesenheit von Landsleuten in fremden Ländern auch die Gelegenheit, die Nation neu zu definieren: Echte und erfundene Berichte von tschechischen “Kolonisten” im amerikanischen Westen und an den Grezen des russischen Imperiums ermöglichten es, die tschechische Nation als Kulturträger und als zivilisierende Kraft darzustellen. In einer Zeit der Nations- und Staatsbildung wussten tschechische Liberale diesen Umstand zu nutzen. Mit dem Schwerpunkt Auswanderung verbindet das Projekt die regionale Geschichte des tschechischen Nationalismus mit der Geschichte der europäischen Expansion.

Diese Darstellung der tschechischen überseeischen Expansion—eine überraschende Formulierung für ein Volk ohne Staat und ohne Zugang zum Meer—bietet eine Alternative zu Studien der Nationsbildung und des Kolonialismus, die sich auf die Erfahrung größerer Nationen stützen. Wie Historiker des deutschen Kolonialreichs behaupten, prägte koloniales Denken nicht nur die Staaten mit großem und dauerhaftem überseeischem Besitz, sondern auch ganz Europa. Im Fall kleinerer Nationen, deren Existenz oft nicht selbstverständlich war, untermauerte der Wunsch nach Herrschaft über Andere die eigenen Ansprüche auf kulturelle Selbständigkeit. Nimmt man sie ernst, können die territorialen Ambitionen eines kleineren, landumschlossenen Volkes unser Verständnis vom Nationalismus verkomplizieren. Auch wie wir über das Zeitalter des Imperialismus denken, wird sich ändern: Durch die Aufhebung einer Unterscheidung zwischen Staaten mit und ohne Kolonien wird Kolonialismus zu einem gemeinsamen europäischen Projekt, das das Streben von kleinen sowie von großen Nationen prägt.

Kontakt

University of California Berkeley
Department of History
3229 Dwinelle Hall
Berkeley, CA 94720-2550
United States of America