Peter Wegenschimmel, Mag.

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Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien
Universität Regensburg / Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung
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D-93047 Regensburg
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Promotionsprojekt

Staatlichkeit und Industrie im post-sozialistischen Europa: Der Einfluss der staatlichen Hand auf die Organisationsgeschichte zweier Werften in Transformation

Staatsunternehmen im neoliberalen Osteuropa, Nationalisierung großer Industriebereiche nach den Erfahrungen des Sozialismus, Rückkehr zu Formen der Selbstverwaltung nach zwanzig Jahren? Das Projekt „Staatlichkeit und Industrie im post-sozialistischen Europa“ präsentiert ein Bild der posttransformativen Industrie Kroatiens und Polens, das geprägt ist von Paradoxien, Pfadabhängigkeiten und subversiven ArbeiterInnenprotesten.

Man könnte die Instrumentalisierung staatlicher Unternehmensbeteiligungen während der marktwirtschaftlichen Transformationen in Ost- und Südosteuropa als eine Art Gegenrevolution beschreiben. Trotz der Dezentralisierungs- und Selbstverwaltungsgesten während der Transformationen der 1970er, 198034 und 1990er Jahren blieb der ehemals sozialistische Staat seiner interventionistischen, geradezu prometheischen Tradition treu, indem er versuchte Kapitalismus „from the top“ zu etablieren (Ekiert, 2003). Die Folge war ein mit der Arbeitnehmerschaft schlecht ausverhandelter Privatisierungsprozess einerseits und das Fortbestehen einer staatlichen Lenkung innerhalb der industriellen Großbetriebe anderseits. Das Projekt  untersucht die Institutionalisierung neuer Formen der Staatlichkeit in der Industrie als Kehrseite, Epiphänomen und Prämisse der neoliberalen Hegemonie (Ther, 2015) und als Phänomen der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (von Puttkamer, 2012).

Die real existierenden Transformationen haben im selben Maße zur Destabilisierung öffentlich gelenkter Wirtschaftsorganisationen wie zu ihrer Reinstitutionalisierung beigetragen. Gerade der Fall Kroatien veranschaulicht den ambivalenten Ausbau staatlich-ökonomischer Agentenschaft während der ersten Phase der Privatisierung, die mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Umwandlung gesellschaftlicher Unternehmen begann. Mit diesem Gesetz wurde aus einer Selbstverwaltungswirtschaft eine Marktwirtschaft. Die damit einhergehende Eigentumsökonomie führte allerdings auch dazu, dass achtzig Prozent des gesellschaftlichen Eigentums dem Staat zufielen, was als „schleppende Privatisierung“ (Dobias et al., 2000: S. 97) bezeichnet wurde. Wie schon die jugoslawischen Transformationen der 1980er mit ihrer Austeritätspolitik (Musić, 2016) führten die Transformationen um 1990 zu einer Zentralisierungs- und Verstaatlichungsbewegung (Woodward, 1995).

In Polen wurde zwar mit dem ersten von Finanzminister Leszek Balcerowicz erlassenen Gesetz zur Finanzwirtschaft der Staatsunternehmen tatsächlich ein „Primat der Ökonomie“ (Ther, 2015: S. 25) konstituiert, welches erstmals Finanzcontrolling, Zweifel an Soft Budget Constraints (Kornai, 1979, 1980) und damit Insolvenz exekutierbar machte. Eine faktische Kritik des ökonomischen Staates als solches war daran aber nicht unbedingt geknüpft.

So institutionalisierte sich sowohl in Polen als auch in Kroatien mit dem Staat als Unternehmenseigentümer ein Provisorium, dessen Absterben die Medien vom ersten Tag seiner Einführung mediendiskursiv angezählt hatten (Wegenschimmel, 2016).

Curriculum Vitae

Peter Wegenschimmel studierte Slawische Sprachen/Literaturen und Philosophie in Berlin und Krakau. Sein Magisterstudium der Angewandten Sozialwissenschaften an der Universität Warschau wurde von der Studienstiftung des Deutschen Volkes im Rahmen des Programms „Metropolen in Osteuropa“ gefördert. Zudem absolvierte er ein postgraduelles Studium des Arbeits- und Sozialrechts an der Universität Breslau (2015/16) und war für die Friedrich-Ebert-Stiftung im Rahmen des „Regional Project on Labour Relations and Social Dialogue for Central Eastern and Southeast Europe“ tätig. Nach Aktivitäten in der polnischen Gewerkschaft „Inicjatywa Pracownicza“ schloß er die Gewerkschaftsschule ab. Er engagiert sich in der Gewerkschaft Erziehung und und Wissenschaft und im CEYTUN-Netzwerk.

Seit 2016 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Transformations from Below: Shipyards and Labour Relations in the Uljanik (Croatia) and Gdynia (Poland) Shipyards since the 1980s". Promotion im Cotutelle-Verfahren an den Universitäten Regensburg und Wien zu Staatlichkeit und Industrie im post-sozialistischen Europa: Der Einfluss der staatlichen Hand auf die Organisationsgeschichte zweier Werften in Transformation. Seit 2017 ist er Assoziiertes Mitglied der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien in der Studiengruppe „Social Sorting“.

Publikationen

Aufsätze und Artikel

Pogranicze jako arena regionalnych stosunków przemysłowych: Ewolucja Międzyregionalnej Rady Związkowej Łaba–Nysa, in Kurcz, Zbigniew (Ed.), Polskie pogranicza w procesie przemian, Wrocław 2017, S. 335-345.

(mit Veverková S.) Annual review of labour relations and social dialogue: Czech Republic 2015, Hg. Friedrich-Ebert-Stiftung, Regional Project on Labour Relations and Social Dialogue, Bratislava 2016 [online, 21.04.16]

Annual review of labour relations and social dialogue: regional abstract for Southeast Europe 2015, Hg. Friedrich-Ebert-Stiftung, Regional Project on Labour Relations and Social Dialogue, Bratislava 2016 [online, 21.04.16]

Annual review of labour relations and social dialogue: regional abstract for Central Eastern Europe 2015, Hg. Friedrich-Ebert-Stiftung, Regional Project on Labour Relations and Social Dialogue, Bratislava 2016 [online, 21.04.16]

Strategie eksternalizacji ryzyka w zatrudnianiu pracowników migrujących z Ukrainy, in: „Polityka Społeczna", 2016 nr 5 (506), S. 34-39.

Public Enterprises in Poland: Institutionalizing a Provisional Model, in: Geise, Mirosław et al. (Hg.), Transformacja gospodarcza w Polsce, Bydgoszcz 2016, S. 285-292. 

Mechanizmy prekaryzujące w zatrudnianiu ukraińskich pracowników w Polsce, in: „Humanizacja Pracy”, 2016 nr 2 (284), S. 33-48.

Rezensionen

Verschiedene Rezensionen in „Polenstudien.Interdisziplinär (Pol-Int) – Fachinformation und internationaler Austausch"

Vorträge

06/2017 Socialist Bargaining: The Power Resource Approach in Socialist Economies, Symposium "Workers of the World: Exploring Global Perspectives on Labour from the 1950s to the Present" des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen an der Georg-August-Universität, Juni 2017
05/2017 Counter-Revolutions during Post-Socialist Transformations: Insights Provided by an Organization-Based Approach, Workshop "Institutional Change in Political Economies and Varieties of Methods in Social Science Research on Postcommunism" der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien und des Instituts für Soziologie, LMU
11/2016 (mit Filipkowski P.) Perspektywa oddolna w badaniu historycznym – oczekiwania i rozczarowania, Konferenz „Historia stoczni gdańskiej”, Gdańsk
09/2016 Transformacja stosunków przemysłowych w stoczni gdyńskiej, XVI Ogólnopolski Zjazd Socjologiczny "Solidarność w czasach nieufności" im Panel "Socjologia Morska", Gdańsk
08/2016 Labour Relations after Tito: A Questionnaire for an Industrial Case Study under Transformation,  Doktorska Radionica "Jugoslavenski socijalizam: sličnosti i posebnosti" der Sveučilište Jurja Dobrile u Puli Filozofski fakultet, Odsjek za povijest & Centar za kulturološka i povijesna istraživanja socijalizma
06/2016 The Impact of Transition on the Legitimization of Workers‘ Self-Management from a Comparative Perspective, Konferenz "Falling Behind and Catching Up: Southeast Europe and East Central Europe in Comparison" des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und des Instituts für Osteuropäische Geschichte (IOG) der Universität Wien
05/2016 Inklusion-Exklusion der Sozialpartner: Institutionalisierung gewerkschaftlicher Kooperation in deutsch-polnischen Grenzräumen, Vierte Internationale Tagung „Polnische Grenzräume im Wandlungsprozess" der Universität Breslau, des Zentrums für Interdisziplinäre Polenstudien der Europa-Universität Viadrina und des Willy Brandt Zentrums für Deutschland- und Europastudien
08/2015 Puppen – billige Arbeitskräfte?, Vortrag im Rahmen der Akademie des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften
03/2015 Gesellschaft – unmarked space zeitgenössischer Poesie, Vortrag im Rahmen des Kosmos-Workshops „POESIE DER (A-) SOZIALITÄT: Mitteleuropäische Dichtung nach dem Ende des Literaturzentrismus" der Humboldt Universität zu Berlin
03/2015 Dramaturgische Raumstrategien – Junggesellenmaschinen, Vortrag am Institut für Raum- & Designstrategien der Kunstuniversität Linz
Mag. Peter Wegenschimmel, Foto: Friedrich Schmidt