Peter Wegenschimmel, Mag.

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Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien
Universität Regensburg / Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung
Landshuter Str. 4
D-93047 Regensburg
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Promotionsprojekt

Staatlichkeit und Industrie im post-sozialistischen Europa: Der Einfluss der staatlichen Hand auf die Organisationsgeschichte zweier Werften in Transformation

Staatsunternehmen im neoliberalen Osteuropa, Nationalisierung großer Industriebereiche nach den Erfahrungen des Sozialismus, Rückkehr zu Formen der Selbstverwaltung nach zwanzig Jahren? Das Projekt "Staatlichkeit und Industrie im post-sozialistischen Europa" präsentiert ein Bild der posttransformativen Industrie Kroatiens und Polens, das geprägt ist von Paradoxien, Pfadabhängigkeiten und subversiven ArbeiterInnenprotesten.

Man könnte die Instrumentalisierung staatlicher Unternehmensbeteiligungen während der marktwirtschaftlichen Transformationen in Ost- und Südosteuropa als eine Art Gegenrevolution beschreiben. Trotz der Dezentralisierungs- und Selbstverwaltungsgesten während der Transformationen der 1970er, 1980er und 1990er Jahren blieb der ehemals sozialistische Staat seiner interventionistischen, geradezu prometheischen Tradition treu, indem er versuchte Kapitalismus "from the top" zu etablieren. Die Folge war ein mit der Arbeitnehmerschaft schlecht ausverhandelter Privatisierungsprozess einerseits und das Fortbestehen einer staatlichen Lenkung innerhalb der industriellen Großbetriebe anderseits. Das Projekt untersucht die Institutionalisierung neuer Formen der Staatlichkeit in der Industrie als Kehrseite, Epiphänomen und Prämisse der neoliberalen Hegemonie und als Phänomen der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Die real existierenden Transformationen haben im selben Maße zur Destabilisierung öffentlich gelenkter Wirtschaftsorganisationen wie zu ihrer Reinstitutionalisierung beigetragen. Gerade der Fall Kroatien veranschaulicht den ambivalenten Ausbau staatlich-ökonomischer Agentenschaft während der ersten Phase der Privatisierung, die mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Umwandlung gesellschaftlicher Unternehmen begann. Mit diesem Gesetz wurde aus einer Selbstverwaltungswirtschaft eine Marktwirtschaft. Die damit einhergehende Eigentumsökonomie führte allerdings auch dazu, dass 80 Prozent des gesellschaftlichen Eigentums dem Staat zufielen, was als "schleppende Privatisierung" bezeichnet wurde. Wie schon die jugoslawischen Transformationen der 1980er mit ihrer Austeritätspolitik führten die Transformationen um 1990 zu einer Zentralisierungs- und Verstaatlichungsbewegung.

In Polen wurde zwar mit dem ersten von Finanzminister Leszek Balcerowicz erlassenen Gesetz zur Finanzwirtschaft der Staatsunternehmen tatsächlich ein "Primat der Ökonomie" konstituiert, welches erstmals Finanzcontrolling, Zweifel an Soft Budget Constraints und damit Insolvenz exekutierbar machte. Eine faktische Kritik des ökonomischen Staates als solches war daran aber nicht unbedingt geknüpft.

So institutionalisierte sich sowohl in Polen als auch in Kroatien mit dem Staat als Unternehmenseigentümer ein Provisorium, dessen Absterben die Medien vom ersten Tag seiner Einführung mediendiskursiv angezählt hatten.

Curriculum Vitae

Peter Wegenschimmel studierte Slawische Sprachen/Literaturen und Philosophie in Berlin und Krakau. Sein Magisterstudium der Angewandten Sozialwissenschaften an der Universität Warschau wurde von der Studienstiftung des Deutschen Volkes im Rahmen des Programms "Metropolen in Osteuropa" gefördert. Zudem absolvierte er ein postgraduelles Studium des Arbeits- und Sozialrechts an der Universität Breslau (2015/16) und war für die Friedrich-Ebert-Stiftung im Rahmen des "Regional Project on Labour Relations and Social Dialogue for Central Eastern and Southeast Europe" tätig. Nach Aktivitäten in der polnischen Gewerkschaft "Inicjatywa Pracownicza" schloß er die Gewerkschaftsschule ab. Er engagiert sich in der Gewerkschaft Erziehung und und Wissenschaft und im CEYTUN-Netzwerk.

Seit 2016 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt "Transformations from Below: Shipyards and Labour Relations in the Uljanik (Croatia) and Gdynia (Poland) Shipyards since the 1980s". Promotion im Cotutelle-Verfahren an den Universitäten Regensburg und Wien zu Staatlichkeit und Industrie im post-sozialistischen Europa: Der Einfluss der staatlichen Hand auf die Organisationsgeschichte zweier Werften in Transformation. Seit 2017 ist er Assoziiertes Mitglied der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien in der Studiengruppe "Social Sorting".

Publikationen

Aufsätze in Zeitschriften und Sammelbänden

Pogranicze jako arena regionalnych stosunków przemysłowych: Ewolucja Międzyregionalnej Rady Związkowej Łaba–Nysa. In: Zbigniew Kurcz (Hg.): Polskie pogranicza w procesie przemian, Wrocław 2017, S. 335-345.

Strategie eksternalizacji ryzyka w zatrudnianiu pracowników migrujących z Ukrainy. In: Polityka Społeczna, 5 (506), 2016, S. 34-39.

Public Enterprises in Poland: Institutionalizing a Provisional Model. In: Mirosław Geise et al. (Hgg.): Transformacja gospodarcza w Polsce, Bydgoszcz 2016, S. 285-292.

Mechanizmy prekaryzujące w zatrudnianiu ukraińskich pracowników w Polsce. In: Humanizacja Pracy, 2 (284), 2016, S. 33-48.

Weitere Veröffentlichungen

Zus. mit Sona Veverková: Annual review of labour relations and social dialogue: Czech Republic 2015. In: Friedrich-Ebert-Stiftung Bratislava (Regional Project on Labour Relations and Social Dialogue for Central Eastern and Southeast Europe), März 2016.

Annual review of labour relations and social dialogue: regional abstract for Southeast Europe 2015. In: Friedrich-Ebert-Stiftung Bratislava (Regional Project on Labour Relations and Social Dialogue for Central Eastern and Southeast Europe), April 2016.

Annual review of labour relations and social dialogue: regional abstract for Central Eastern Europe 2015. In: Friedrich-Ebert-Stiftung Bratislava (Regional Project on Labour Relations and Social Dialogue for Central Eastern and Southeast Europe), April 2016.

Rezensionen

Verschiedene Rezensionen in "Polenstudien.Interdisziplinär (Pol-Int) – Fachinformation und internationaler Austausch"

Vorträge (Auswahl)

2017

"Socialist Bargaining: The Power Resource Approach in Socialist Economies" (Symposium "Workers of the World: Exploring Global Perspectives on Labour from the 1950s to the Present" des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen an der Georg-August-Universität, Juni 2017).

"Counter-Revolutions during Post-Socialist Transformations: Insights Provided by an Organization-Based Approach" (Workshop "Institutional Change in Political Economies and Varieties of Methods in Social Science Research on Postcommunism" der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien und des Instituts für Soziologie, Ludwig-Maximilians-Universität München, Mai 2017).

2016

Zus. mit P. Filipkowski: "Perspektywa oddolna w badaniu historycznym – oczekiwania i rozczarowania" (Konferenz "Historia stoczni gdańskiej", Gdańsk, November 2016).

"Transformacja stosunków przemysłowych w stoczni gdyńskiej" (XVI Ogólnopolski Zjazd Socjologiczny "Solidarność w czasach nieufności", Gdańsk, September 2016).

"Labour Relations after Tito: A Questionnaire for an Industrial Case Study under Transformation", (Doktorska Radionica "Jugoslavenski socijalizam: sličnosti i posebnosti" der Sveučilište Jurja Dobrile u Puli Filozofski fakultet, Odsjek za povijest & Centar za kulturološka i povijesna istraživanja socijalizma, August 2016).

"The Impact of Transition on the Legitimization of Workers' Self-Management from a Comparative Perspective" (Konferenz "Falling Behind and Catching Up: Southeast Europe and East Central Europe in Comparison" des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und des Instituts für Osteuropäische Geschichte (IOG) der Universität Wien, Juni 2016).

"Inklusion-Exklusion der Sozialpartner: Institutionalisierung gewerkschaftlicher Kooperation in deutsch-polnischen Grenzräumen" (Vierte Internationale Tagung "Polnische Grenzräume im Wandlungsprozess" der Universität Breslau, des Zentrums für Interdisziplinäre Polenstudien der Europa-Universität Viadrina und des Willy Brandt Zentrums für Deutschland- und Europastudien, Mai 2016).

2015

"Puppen – billige Arbeitskräfte?" (Akademie des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, August 2015).

"Gesellschaft – unmarked space zeitgenössischer Poesie" (Kosmos-Workshop "POESIE DER (A-)SOZIALITÄT: Mitteleuropäische Dichtung nach dem Ende des Literaturzentrismus" der Humboldt Universität zu Berlin, März 2015).

"Dramaturgische Raumstrategien – Junggesellenmaschinen" (Vortrag am Institut für Raum- & Designstrategien der Kunstuniversität Linz, März 2015).

Mag. Peter Wegenschimmel, Foto: Friedrich Schmidt