[Call for Papers] IGK-Workshop "Wissenschaft, Religion und politischer Dissens im langen 19. Jahrhundert"

15.05.2017 (10:28)

Workshop des Internationalen Graduiertenkollegs für (Post-)DoktorandInnen im Februar 2018

Das Internationale Graduiertenkolleg "Religiöse Kulturen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts" veranstaltet am 16. und 17. Februar 2018 an der LMU München den Workshop "Wissenschaft, Religion und politischer Dissens im langen 19. Jahrhundert / Science, Religion, and Political Dissent in the long 19th Century". Erbeten werden Vorschläge für Vorträge zu einem der folgenden Problemfelder: 1) Wissenschaft, Antiklerikalismus und Religionskritik, 2) Wissenschaft, politischer Dissens und Sozialreform, 3) Europäische Dimensionen und Transnationale Netzwerke sowie 4) Wissenschaftspopularisierung und Übersetzung.

Einsendeschluss ist der 1. September 2017.

Die empirischen Naturwissenschaften erlangten um 1900 wie kaum ein anderes Wissenschaftsfeld an Einfluss. Vertreter der Naturwissenschaften gingen im Laufe des ‚langen‘ 19. Jahrhunderts zahlreiche Verbindungen mit verschiedenen politischen Strömungen ein. Zentral war dabei auch das Verhältnis von Wissenschaft und Politik zur Religion: Während manche in den Naturwissenschaften ein Mittel zur umfassenden Säkularisierung der Gesellschaft und einer damit verbundenen Befreiung von klerikaler Repression sahen, versuchten andere die Naturwissenschaften mit ihren religiösen Überzeugungen in Einklang zu bringen – mal aus konservativer, mal aus revolutionärer Perspektive. Das Verhältnis von Wissenschaft, Religion und politischem Dissens unterlag vielfältigen Aushandlungsprozessen, welchen wir uns im Rahmen eines Workshops aus transnationaler Perspektive annähern wollen. Das Augenmerk liegt dabei auf folgenden Leitfragen: Welche Rolle spielten die Naturwissenschaften als Legitimationsressource für soziopolitische Reformbestrebungen und als Mittel der Religionskritik? Wie und über welche Strategien wurde wissenschaftliches Wissen übersetzt und popularisiert? Welche transnationalen Verbindungen lassen sich zwischen wissenschaftlichen, politischen und antiklerikalen Strömungen aufdecken? Inwiefern waren NaturwissenschaftlerInnen in politische und soziale Reformbewegungen des ‚langen‘ 19. Jahrhunderts involviert?

Der Workshop ist in vier Problemfelder unterteilt:

1) Wissenschaft, Antiklerikalismus und Religionskritik

Das erste Problemfeld widmet sich der Frage, wie Wissenschaft im 19. Jahrhundert zur Legitimation antiklerikaler und mithin antireligiöser Ziele durch verschiedene Akteursgruppen vereinnahmt wurde. So rekurrierte die Monismusbewegung um 1900 sowohl auf Darwins Evolutionstheorie als auch auf physikalisches Wissen, um die dualistische Tradition des Christentums durch eine betont einheitliche, wissenschaftliche Weltdeutung zu ersetzen. In ähnlicher Weise versuchten naturwissenschaftliche Materialisten wie Ludwig Büchner, Carl Vogt und Jacob Moleschott metaphysische Konzepte wie Seele und Geist rein materiell zu begründen. Die Seele war demnach nichts Geringeres als ein Stoffwechselprodukt des Gehirns. Das Verhältnis von Wissenschaft, Antiklerikalismus sowie Religionskritik soll anhand weiterer Fallbeispiele untersucht werden.

2) Wissenschaft, politischer Dissens und Sozialreform

Ein integraler Bestandteil der Rezeptionsgeschichte von naturwissenschaftlichen Großtheorien war ihre Übertragung auf soziale Phänomene – man denke etwa an den Sozialdarwinismus, den Neo-Lamarckismus oder an Vererbungstheorien, die für biopolitische Maßnahmen und Utopien (wie die Eugenik) vereinnahmt wurden. Das zweite Problemfeld geht der Frage nach, welche spezifische Rolle der Wissenschaft als Legitimationsressource für politischen Dissens und Sozialreform zukam. Angefangen von der Beteiligung von NaturwissenschaftlerInnen an den Revolutionen des 19. Jahrhunderts, bis hin zur Verschränkung von Monismus, Sozialreform und sozialistischer Arbeiterbewegung – so möchte auch dieses Problemfeld die vielfältigen Wechselwirkungen von Wissenschaft, Religion und politischem Dissens beleuchten.

3) Europäische Dimensionen und Transnationale Netzwerke

Das dritte Problemfeld beleuchtet den europäischen und transnationalen Charakter des Antiklerikalismus. Der Kulturkampf in Europa wurde lange als ein Kampf zwischen Bismarck und der Kurie interpretiert. Jüngere Forschungen hingegen betonen den transnationalen, klassen- und schichtübergreifenden Charakter der Kulturkämpfe, jenseits rein politikgeschichtlicher Deutungen: So schufen die Kulturkämpfe eine politisierte Massenöffentlichkeit, die Menschen in der Stadt wie auf dem Land mobilisierte. Dass der Antiklerikalismus ein europäisches, transnationales Phänomen war, illustriert das im Vorfeld des Ersten Vatikanums einberufene Gegenkonzil von 1869 in Neapel. Dieses vereinte Freidenker, Freimaurer, Liberale und Antiklerikale aus ganz Europa in ihrem Protest gegen den Ultramontanismus. Die transnationalen Allianzen überstiegen auch Klassengrenzen: Sozialisten kooperierten einerseits mit Monisten und Freidenkern in der Kirchenaustrittsbewegung; Kulturethiker, Monisten und Freidenker waren andererseits in der wilhelminischen Bildungsreform aktiv und trafen sich auf internationalen Kongressen zur Förderung eines säkularen Moralunterrichts an Schulen; Materialisten wiederum fanden Unterstützung aus Reihen radikaler Demokraten und Fortschrittsliberaler und traten in den Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts als politische Akteure in Erscheinung. So war der Materialist Jakob Moleschott aktiv im italienischen Risorgimento involviert. Indem Antiklerikale auf kulturelle Codes rekurrierten und spezifische Feindbilder konstruierten, versuchten sie ihre eigene, europäische Öffentlichkeit‘ zu schaffen.

4) Wissenschaftspopularisierung und Übersetzung

Das vierte Problemfeld widmet sich der Funktion von Übersetzung und Popularisierung wissenschaftlicher Konzepte im europäischen Antiklerikalismus. In der aktuellen kultur- und geschichtswissenschaftlichen Forschung wird dem Konzept Übersetzung – verstanden als kulturelle Praxis – zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. Übersetzung wird nun weniger als Produkt, sondern als Prozess gedeutet und zudem auf Bereiche jenseits des Literarischen oder Sprachlichen ausgedehnt: Nicht nur im engeren Sinne gilt die literarische und wörtliche Übertragung als Übersetzungsprozess, sondern ebenso die Popularisierung und Transformation wissenschaftlicher Konzepte. Die äußerst kontroverse Rezeption der Evolutionstheorie Darwins in Europa ist wohl das anschaulichste Beispiel dafür, welche konstitutive Rolle Übersetzer und Popularisierer hierbei erfüllten. Weitere Kontroversen wurden durch den Lamarckismus, Materialismus und den Haeckel’schen Monismus ausgelöst, die naturwissenschaftliche Großtheorien in eine populäre Form transferierten. Neben den Kontroversen, die durch die Rezeption naturwissenschaftlicher Prinzipien in Politik und Kirche ausgelöst wurden, sollen verschiedene Strategien der Popularisierung aufgedeckt werden.

Bewerbungsverfahren

Der Workshop richtet sich an (Post-)DoktorandInnen der Geistes- und Sozialwissenschaften, speziell an  NachwuchswissenschaftlerInnen aus den Disziplinen Wissenschaftsgeschichte und -philosophie, Neuere und Neueste Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaften sowie benachbarter Fächer.

Erbeten werden 20-minütige Vorträge in deutscher oder englischer Sprache. Um eine Diskussionsgrundlage zu haben, werden die Beiträge (ca. 15.000 Zeichen, inkl. Leerzeichen; auf Deutsch oder Englisch) im Vorfeld unter allen TeilnehmerInnen des Workshops verschickt.

Fahrtkosten (im Äquivalent einer Bahnfahrt zweiter Klasse) und eine Übernachtung werden erstattet.

Bei Interesse bitten wir um Einsendung eines kurzen Exposés (in deutscher oder englischer Sprache, max. 2.500 Zeichen bzw. 300 Wörter) und akademischen Lebenslaufs bis zum 1. September 2017 an Christoffer Leber und Claus Spenninger unter folgender Mailadresse:
igk_workshop@lrz.uni-muenchen.de

 

CfP als .pdf (92 KByte)

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