Feierliche Eröffnung der Graduiertenschule

17.06.2013 (18:00)

Eröffnung Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien
Eröffnung Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien

Am Montag, 17. Juni 2013 um 18.00 Uhr fand in der Großen Aula der LMU München die feierliche Eröffnung der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien statt. Den Festvortrag hielt Professor Jochen Hellbeck (Rutgers, The State University of New Jersey) über: „Die Schlacht von Stalingrad – sowjetische und europäische Perspektiven“.

Ihre Arbeit hat die Graduiertenschule im November 2012 aufgenommen, feierlich eröffnet wurde sie am 17. Juni 2013 in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität. Zahlreiche Gäste waren trotz hochsommerlicher Temperaturen der Einladung gefolgt. Die Anwesenden begrüßte der LMU-Präsident Professor Dr. Bernd Huber. Er betonte, dass ein gemeinsamer Antrag zweier Sprecheruniversitäten innerhalb der Exzellenzinitiative eine Besonderheit dieser Graduiertenschule sei.

Der Erfolg dieses gemeinsamen Antrages führte Professor Dr. Martin Schulze Wessel zu der Überzeugung, dass auch in konkurrenzgeprägten Systemen eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ihren berechtigten Platz finde. Die Graduiertenschule baue einerseits auf der langjährigenwissenschaftlichen Kooperation von München und Regensburg im außeruniversitären Bereich und beim gemeinsamen Masterstudiengang Osteuropastudien auf und markiere andererseits strukturell und konzeptionell den Aufbruch in ganz Neues, erklärte der Münchner Sprecher. Dabei stünden die Promovierenden im Mittelpunkt. Eine intensive Betreuung werde dazu beitragen, Promotionskrisen, die in den Geisteswissenschaften immer wieder auftauchten, erfolgreich zu überwinden. Das Programm bereite die Promovierenden zudem gleichermaßen auf eine universitäre wie außeruniversitäre
Karriere vor. Dazu trage unter anderem das Mentorenprogramm bei, bei dem Mentoren aus Wirtschaft, Medien, Verbänden und Politikberatung den Promovierenden beratend zur Seite stehen. Auch Professor Dr. Udo Hebel,
Rektor der Universität Regensburg, lobte die Graduiertenschule als »Meilenstein in der interdisziplinären
Nachwuchsförderung «an den beiden Standorten München und Regensburg.

Dass nun in Regensburg eine Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien angesiedelt ist, empfand Hebel als dem Auftrag der Universität Regensburg entsprechend. Ihre Mission sei bei ihrer Gründung im Jahr 1962 gewesen, West- und Osteuropa zu verbinden; die Graduiertenschule könne den Auftrag fortführen und nun Brücken über das vereinte Europa hinaus schlagen.

Ministerialdirigent Dr. Michael Mihatsch vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst erinnerte an den gesellschaftlichen Stellenwert der Geisteswissenschaften, den die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit ihrer Förderentscheidung anerkannt habe.

Einen Einblick in die vielfältigen Forschungsfelder gaben die drei folgenden Referenten. Zunächst umriss Professor Dr. Ulf Brunnbauer, Regensburger Sprecher der Graduiertenschule, die Forschungsfelder. Als Vignette diente ihm der Passagierdampfer Pannonia, der auf den Tag genau vor 100 Jahren, am 17. Juni 1913, in New York anlegte. 1663 Passagiere hatte er von Europa nach Amerika gebracht. Unter ihnen waren Reisende aus Ungarn, Galizien, Russland
und Dalmatien, die ihre Kultur und Geschichte in die Vereinigten Staaten von Amerika mitbrachten und umgekehrt
den Daheimgebliebenen aus der neuen Welt berichteten. In Anlehnung an diese Wechselbeziehungen wolle auch die Graduiertenschule Regionen nicht als geschlossene Räume verstehen, sondern in ihren globalen Verflechtungen analysieren. Dass zu Ost- und Südosteuropa ein hoher Forschungsbedarf besteht, führte Brunnbauer unter anderem auf den gravierenden sozialen und politischen Wandel zurück, den die Region in den letzten zwei Jahrhunderten erfahren hat. Zugleich berge die wissenschaftliche Beschäftigung mit Ost- und Südosteuropa »heuristisches Potenzial für die Fragen, die uns alle angehen«, führte Brunnbauer aus: »Zentrale soziale und kulturelle Phänomene
der modernen Welt lassen sich exemplarisch an Fallbeispielen aus dem östlichen und südöstlichen Europa bestens untersuchen.« Als Beispiele nannte er gesellschaftlichen Umgang mit kultureller Diversität, Sprachpolitik, politische Wandlungssprozesse und künstlerische Avantgarden.

Ein Beispiel für ein kunsthistorisches Forschungsprojekt stellte die Doktorandin Patricia Vidović vor. Sie beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit Filmen der vergangenen zehn Jahre aus Ost- und Südosteuropa und geht dabei der Frage nach, wie die gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozesse durch unterschiedliche Formen des Verstehens in der Kunst reflektiert werden. Besonders interessiert Vidović die Erzählhaltung. Diese kennzeichnete sie als häufig uneindeutig und interpretierte dies als Ausdruck einer sowohl politischen wie auch ästhetischen Orientierungssuche.

Einen hohen Bedarf an Orientierungswissen anderer Art konstatierte im anschließenden Vortrag die Umwelthistorikerin Dr. Melanie Arndt: Die Störfälle im Reaktor von Fukushima hätten der westlichen Öffentlichkeit bewusst gemacht, dass eine komplexe Technologie in hochtechnisierten Gesellschaften ebenso unvorhersehbare Risiken berge wie in einer sozialistischen Planwirtschaft. Das habe einen Perspektivenwechsel in der Wahrnehmung von Atomenergie bewirkt. In ihrem Habilitationsprojekt beschäftigt sich die Historikerin mit den sozialen Auswirkungen der Kernkraftnutzung in den USA und in der Sowjetunion.

Der Festredner Professor Dr. Jochen Hellbeck (Rutgers University, New Jersey) beleuchtete gleich mehrere unterschiedliche Sichtweisen auf ein historisches Ereignis. Ausgehend von differierenden nationalen Narrativen von der Schlacht von Stalingrad, zitierte der Osteuropahistoriker den US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Bradford Delong. Dieser stelle die Entscheidungsschlacht des Zweiten Weltkrieges in einen globalen Zusammenhang und schreibe ihr eine positive Auswirkung zu, denn der sowjetische Sieg habe den Einsatz einer Atombombe gegen das Dritte Reich verhindert. Im Sinne dieser Deutung hoffte Hellbeck auf eine deutsch-russische Versöhnungsgeste über den Gräbern von Stalingrad, welche ein gemeinsames Erinnern eines geeinten Europa begründen könne.

Die Vorträge umrahmte die Pianistin Polina Bogdanova mit ihrer Interpretation der Preludien und Fugen aus Opus 87 von Dmitrij Dmitrievič Šostakovič. Im Anschluss bot ein Empfang Gelegenheit, sich auszutauschen und auf eine fruchtbare Arbeit der Graduiertenschule anzustoßen.
Außerdem konnten sich die Anwesenden dank einer Ausstellung von Postern über die Forschungsprojekte der Promovierenden und Postdocs informieren.

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