[Forum München] Philipp Ther: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent

05.08.2014 (10:08)

Revolution, Transformation und Neoliberalismus in Europa seit den 1980er Jahren

Als im Jahr 1989 die Mauer fiel, begann für die ehemaligen Ostblockstaaten ein umfassender Wandlungsprozess. Von diesem Prozess und seinen Folgen handelt das neuste Buch des Osteuropahistorikers Philipp Ther (Wien). In der Carl Friedrich von Siemens Stiftung präsentierte er am 23. Juni 2014 in der Reihe Forum, zu der die Graduiertenschule gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde geladen hatte, Ergebnisse und Thesen seiner zeithistorischen Beschäftigung mit dem Prozess der Transformation. Transformation definierte er als einen beschleunigten, nachrevolutionären und synchronen Wandel der Politik, Gesellschaft und Kultur. Als These schickte er die Charakterisierung der jüngsten Periode der Zeitgeschichte als Zeitalter des Neoliberalismus voraus. Dass der Neoliberalismus so prägend werden konnte, führte Ther auf eine Verknüpfung westlicher und osteuropäischer Krisen- und Reformdiskurse in den 1980er Jahren zurück. Als die Reform des real existierenden Sozialismus scheiterte, habe zudem auf globaler Ebene ein Gegenmodell zur liberal-kapitalistischen Ordnung gefehlt, wodurch sich liberale Wirtschaftstheoretiker wie Milton Friedman in ihren Ansichten gestärkt sahen.

In der Retrospektive erscheinen die Folgen des Transformationsprozesses, die Ther skizzierte, jedoch zwiespältig. In ostmitteleuropäischen Großstädten wie Warschau, Prag und Budapest ist eine breite Mittelklasse entstanden, die auf westlichem Niveau lebt. In ihrer wirtschaftlichen Entwicklung haben diese Städte Berlin überholt. Zugleich kam es zu eklatanten Gegensätzen zwischen Stadt und Land: Während die Großstädte prosperieren, habe sich „von Galizien bis zur nördlichen Donauebene eine grenzüberschreitende Zone der Armut“ entwickelt.

Auf den faktenreichen Vortrag folgte eine intensive Diskussion. Anschließend bot sich für das Publikum die Gelegenheit, sich im Garten der Siemens-Stiftung mit dem Referenten, aber auch untereinander auszutauschen und den warmen Sommerabend ausklingen zu lassen.

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