Rückblick auf den Gastvortrag von Dr. Alfons Brüning: Metropolit Nikodim von Leningrad und die kirchlichen Dissidenten in der Sowjetunion ab 1965

07.05.2015 (15:19)

Eine Rückschau von Vitalij Fastovskij

Am 22. April 2015 hielt im Kolloquium des Internationalen Graduiertenkollegs "Religiöse Kulturen" und der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien der in den Niederlanden lehrende Osteuropahistoriker Dr. Alfons Brüning einen Vortrag zum Thema "Metropolit Nikodim von Leningrad und die kirchlichen Dissidenten in der Sowjetunion ab 1965".

Anhand der Lebensläufe zweier in vielerlei Hinsicht gegensätzlicher kirchlicher Amtsträger jener Jahre, Nikodim von Leningrad und Priester Gleb Jakunin, zeichnete Brüning einen Konflikt nach, der, etwas vereinfacht gesprochen, zwischen der höheren Hierarchie (schwarzer Klerus) und den Gemeindepriestern (weißer Klerus) verlief und so vehement ausgefochten wurde, dass einzelne Beobachter ihm das Potenzial zusprachen, sich zu einem (erneuten) Kirchenschisma zu entwickeln. Im Kern des Konflikts lag die alte Frage nach der Rechtmäßigkeit der Loyalität gegenüber und der Kooperation mit einer Regierungsmacht, die zumindest dem Anspruch nach militant atheistisch war und die Verantwortung für eine blutige Verfolgung der Gläubigen trug. Aus diesem ungelösten Problem erwuchsen so etwas wie zwei kirchliche Kulturen mit ihren eigenen Sichtweisen auf die Rolle der Kirche im Staat und in der Gesellschaft. Die erste war gekennzeichnet durch eine ausgesprochene Ablehnung jeglicher Kooperation mit dem Staat und wurde in der Person des Priesters und Dissidenten Gleb Jakunin verkörpert, die zweite durch eine Art von "gesellschaftlichen Moralismus", einer Akzentuierung der Wertekongruenz zwischen dem sozialistischen Staat und einer sozial orientierten Kirche, verkörpert in der Person des Metropoliten Nikodim. Nach dem Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, in der sowohl die vorrevolutionären Aspekte des Konfliktes angesprochen wurden, als auch die aktuellen Debatten und Auseinandersetzungen innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche.

Vitalij Fastovskij

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