[Kolloquium] Gattungen digitaler Erinnerung

17.04.2014 (09:44)

Vortrag von Professor Dr. Dirk Uffelmann am 16. Januar 2014

Zu „Gattungen digitaler Erinnerung“ sprach Professor Dr. Dirk Uffelmann, Inhaber des Lehrstuhls für Slavische Literaturen und Kulturen sowie Vizepräsident der Universität Passau für Lehre und Studium und im Wintersemester 2013/14 Gastwissenschaftler an der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien, am 16. Januar 2014 im Rahmen des vierzehntägigen Kolloquiums und gab damit Einblick in ein Forschungsfeld, das ganz besonders von interdisziplinären Herangehensweisen profitiert.  

Prof. Uffelmann forscht zu Möglichkeiten, Inhalte der Gattungstheorie wie auch Konzepte, die Gattungen als Gedächtnisträger verstehen, zusammenzuführen und in einem online-Kontext gewinnbringend einzusetzen. Um einen Einblick in die Darstellungsformen von Erinnerung im Internet zu gewinnen, betrachtet er in seiner Untersuchung erstmalig die Verbindungen zwischen den drei Bereichen „Gattung“, „Internet“ und „Gedächtnis“. Somit ergibt sich die Notwendigkeit einer interdisziplinären Forschungsperspektive, die Einflüsse aus der Literaturwissenschaft, dem Feld der Erinnerungskultur und den Medienwissenschaften/Internet Studies zulässt. Eine solche digitale Gattungstheorie, bezogen auf genuin im Internet entstandene Gattungen, hat zum Ziel, ein Verständnis für online existierende Gattungen von Erinnerung zu etablieren, deren Analyse gewinnbringend sein kann für die Betrachtung von Erinnerung in der digitalen Welt sowie der Wirkungskraft von Kommunikation in Erinnerungskulturen im allgemeinen.

Um das Zusammenspiel von online-Gattungen und digitaler Erinnerung umfassend beschreiben zu können, so Prof. Uffelmann, müssten eine Reihe von Aspekten berücksichtigt werden. Online-Gattungen zeichneten sich häufig durch ihre gesprächsartige Natur aus, was Fragen nach der Nutzergruppe aufwirft wie auch nach der Problematik der „(Selbst-)zensur“, die noch dadurch verstärkt wird, dass Interventionen nicht immer gekennzeichnet oder für Forscher klar nachvollziehbar sind. Auch der Faktor Zeit und die Geschwindigkeit des Wandels, mit dem online-Gattungen konfrontiert sind, dürften nicht vernachlässigt werden. Wichtig sei zudem die Tatsache, dass die Darstellung der Erinnerung im Internet sehr stark von den aktuellen technischen Möglichkeiten abhängig ist. Somit sei eine Konversation nicht nur durch bestimmte rhetorische Regeln einer bestimmten Gattung normiert, sondern beispielsweise auch durch Einschränkungen bei der Länge der Mitteilung, was Auswirkungen sowohl auf die Gattung als auch den Inhalt haben kann.   

In der ausführlichen Diskussion, die dem Vortrag folgte, wurden die vorangegangenen literaturtheoretischen Überlegungen in einem anwendungsorientierten Kontext diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass es durchaus Unterschiede zwischen Erinnerung im herkömmlichen Sinn und digitaler Erinnerung gibt. Neben der Tatsache, dass bei der digitalen Erinnerung das Internet die Plattform bietet, auf der in verschiedenen online-Gattungen erinnerungskulturelle Vorgänge stattfinden, sind, laut Prof. Uffelmann, bei der Unterscheidung besonders die Punkte „Interaktivität“ und „Dialogizität“ zu berücksichtigen. Dies gelte insbesondere mit Blick auf die Art, mit der im Internet kommuniziert und Wissen angewendet werde, um zu einer kollektiven Produktion von Erinnerung beizutragen, wie es beispielsweise in der online-Enzyklopädie Wikipedia deutlich wird. Zudem gebe es verschiedene Internetkulturen zu berücksichtigen, in denen kommunikative Konfliktpraktiken variieren können. 

Dennoch dürfe nicht von einer starren Grenzziehung zwischen beiden Erinnerungsformen ausgegangen werden. Stattdessen verspreche es gewinnbringende Einblicke für die Forschung, sich auf die Interaktion zwischen online-Kommunikation und offline-Aktion zu konzentrieren und die gegenseitigen Rückwirkungen zu betrachten. Schließlich sei die Erforschung der online-Gattungen der Erinnerung gerade deshalb so bedeutsam, so Prof. Uffelmann, weil diese die Rolle eines Mediators zwischen den Bereichen der Kultur und der Technologie einnehmen. Eine Verbindung von Forschungsfeldern wie den Internet Studies mit Fachgebieten wie der der Slavistik könne daher ganz neue Perspektiven eröffnen.   

Julia Kling

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