[Interview] Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Litauen

19.05.2015 (10:18)

Den 9. Mai feiert Russland dieses Jahr mit einer riesigen Militärparade. Der Tag des Sieges über den Faschismus scheint somit von einer herausragenden erinnerungspolitischen Bedeutung für die jetzige russische Machtelite zu sein. Doch wie wird damit in anderen postsowjetischen Staaten umgegangen?  Die russische Informationsagentur Rosbalt (St. Petersburg) führte während eines Arbeitstreffens des Petersburger Dialogs ein Interview mit Dr. des. Ekaterina Makhotina zu ihrer kürzlich fertiggestellten Dissertation und der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Litauen, Deutschland und der EU.

Seit dem Niedergang der Sowjetunion hätten sich die erinnerungskulturellen Bezugspunkte in den ehemaligen Staaten der Sowjetunion grundlegend verändert, so Makhotina. In Litauen sei in den späten 1980er Jahren ein neues Geschichtsbild entstanden, das das Sowjetsystem verurteilte und die sowjetische Erinnerungskultur als „fremde“ Erinnerung marginalisiere. In diesem Paradigma sei Litauen als Opfer beider Diktaturen - der nationalsozialistischen und der sowjetischen - und deren Besatzung gesehen worden. Dabei sei jedoch oftmals die Unterstützung der sowjetischen wie auch der nationalsozialistischen  Machthaber seitens der Gesellschaft vergessen worden. So seien historische Bezugsfiguren mit zweifelhafter Reputation wieder in einer positiv konnotierten nationalen Erinnerung rehabilitiert worden. 

Erst in den 2000er Jahren, als die negative Bewertung der sowjetischen Zeit zum gesellschaftlichen Konsens wurde, sei in Litauen eine kritische Historikerschule, die die gesellschaftliche Verankerung des Sowjetsystems und somit die Sowjetzeit aus dem Paradigma des Sowjetisierungsprozesses erforschte, entstanden. Makhotina betonte, dass dennoch der Begriff der Okkupation, wenn er auf die Zeit von 1944 bis 1990 angewendet werde, bis heute stark politisiert sei und von der national-konservativen Führung abgelehnt werde.

Die Erinnerungspolitik innerhalb der EU habe in den letzten Jahren immer ausdrücklicher die These von der Nachbarschaft zwischen dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus gefördert, was unmittelbare Auswirkungen auf die Gedenkarbeit habe. Am besten illustriere dies die 2008 verfasste „Prager Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus“  und der in diesem Zusammenhang etablierte Tag zum Gedenken an die Opfer beider Diktaturen am 23. August. Deutsche Zeithistoriker sähen jedoch in der These, dass die Sowjetunion in gleichem Maß wie das NS-Deutschland für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich sei, die Gefahr, dass das besondere Charakteristikum des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, der Vernichtungskrieg, hierdurch in den Schatten gestellt werde.  Der kritische Umgang mit der eigenen Geschichte in Deutschland, sowohl auf der Ebene der Wissenschaft als auch auf der Ebene der populären Geschichtsvermittlung, wirke daher entgegen der Geschichtspolitik, die auf Gleichsetzung der Diktaturen hinaus sei.

Im postsowjetischen Raum bilde gegenwärtig der 9. Mai einen Kristallisationspunkt für den Dissens zwischen der offiziellen, auf den nationalen Opferdiskurs fokussierten Erzählung und der inoffiziellen Gegen-Erinnerung. Die staatstragende Ideologie werde an diesem Tag durch die lokalen Erinnerungsgemeinschaften und ihre Erinnerungspraktiken herausgefordert. Das bedeute, dass die alternativen Erinnerungen weiterhin im „Underground“ existieren könnten, ohne dabei von der offiziellen Geschichtspolitik beachtet oder problematisiert zu werden.

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