[Kolloquium München] Silvia Sasse: Bachtin vor Gericht, oder: Wie kann man Kunst mit Bachtin verteidigen?

27.07.2015 (10:06)

Am 08. Juli 2015 hielt Sylvia Sasse im Kolloquium der Graduiertenschule in München den Vortrag „Bachtin vor Gericht, oder: Wie kann man Kunst mit Bachtin verteidigen?“. Den Ausgangspunkt ihrer Ausführungen stellt die These dar, dass der Bezug auf Michail Bachtin vor Gericht zwar eine lange Tradition im östlichen Europa hat, er aber in den vergangenen Jahrzehnten einen folgenschweren Wandel erfahren habe. Als Beispiel nannte sie mehrere Prozesse gegen Künstler und Kuratoren, zum Beispiel denjenigen gegen die tschechoslowakische Band Plastic People of the Universe im Jahr 1976. Hier hatten sich die Künstler selbst auf Bachtin berufen und damit  ihre Kunst gegen den Vorwurf der Erregung öffentlichen Ärgernisses verteidigt. Sie zogen damit erfolgreich eine Parallele zwischen der Intention der Band und derjenigen Bachtins, indem sich erstere somit als sprachspielerisch und autoreflexiv kategorisieren und entlasten konnte. Im Laufe der Jahre wurde Bachtins Begriff des Karnevalesken jedoch zur geläufigen juristischen Ausrede, die dem Vorwurf der Beleidigung entgegengebracht wurde. Auf Seite der Anklage begann man somit in den 1990er Jahren, diese Taktik zu antizipieren und zu verkehren. Durch die Instrumentalisierung von Wirkungszeugen, welche vor Gericht die verletzenden Effekte der betreffenden Kunstwerke auf ihre Psyche bezeugten, gelang es der Anklage ihrerseits, die eigenen Vorwürfe zu belegen. Diese Entwicklung, so Sasses Fazit, bedeutet eine Ersetzung von Hermeneutik durch Performativität – eine Strategie, mit der die Interpretation von Kunst vor Gericht nicht etwa gefördert, sondern tatsächlich verhindert wird.

Mara Matičević

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