[Kolloquium] Von Prag nach Jerusalem - Kulturgüter und Staatswerdung

31.01.2014 (14:00)

Prof. Yfaat Weiss untersuchte die Frage nach dem "richtigen" Verwahrungsort

Wohin gehört Kafkas Nachlass und welche Kriterien fließen zur Beurteilung des „richtigen“ Verwahrungsortes eines Kulturguts mit ein? Welche Rolle spielt dabei die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte? Professorin Yfaat Weiss portraitierte am 31. Januar 2014 im Regensburger Kolloquium die Wege, auf denen jüdische Kulturgüter Israel erreichten und welche Rollen diese auch im Nationsbildungsprozess spielten. Dabei wurde deutlich, dass man die Kulturgüter nicht allein aus der Perspektive der Entstehungsgeschichte beurteilen kann.

Ausgehend von der Frage nach den Rechten am Kafka- und Brod-Nachlass und in Betracht des Rechtsstreits zwischen dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Nationalbibliothek Jerusalem untersuchte Frau Weiss die Geschichte der jüdischen Kulturgüter, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa verblieben sind. Dabei fokussierte sie auf die Tschechoslowakei und die Rolle der Prager Juden. Direkt nach Ende des Weltkriegs bemühte man sich in Palästina/Israel und in den USA um die „Repatriierung der jüdischen Kulturgüter“ aus Europa. Dabei verstand man die Rettung der Güter als „Zurückholen“ nicht im Sinne des Ursprungslandes, sondern im Sinne der Ursprungskultur. Verschiedene „field directors“ der „Commission for Jewish Culture Reconstruction“ (JCR) fuhren zu diesem Zweck in das Nachkriegseuropa und bemühten sich, die alten Sammlungen, Bibliotheken, Ritualgegenstände und Handschriften ausfindig zu machen, Besitzansprüche zu klären und insbesondere in die neuen Zentren jüdischen Lebens – nach Palästina/Israel und in die USA – zu überführen. Frau Weiss fokussierte dabei auf die Frage, welche Bedeutung diese Güter insbesondere für die israelische Kultur hatten und mit welcher Motivation und Wahrnehmung sie in die nationalen Archive und Bibliotheken eingegliedert wurden. Vor diesem Hintergrund bemühte sie sich um eine Neubewertung des gegenwärtigen Disputs um den „rechtmäßigen“ Verwahrungsort des Kafka-/Brod-Nachlasses.

Prof. Dr. Yfaat Weiss ist Leiterin des Franz Rosenzweig Minerva Research Centers an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Professorin für jüdische Geschichte. 2012 wurde ihr der Hannah-Arendt-Preis verliehen.

Anna Juraschek

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