Kontraproduktive Initiative: Martin Schulze Wessel kritisiert die Petition von Bild und B.Z. gegen „Russen-Panzer“ am sowjetischen Ehrenmal in Berlin

21.05.2014 (09:36)

Martin Schulze Wessel kritisiert die Petition von Bild und B.Z. gegen „Russen-Panzer“ am sowjetischen Ehrenmal in Berlin

Angesichts der Rolle, die Russland in der Krise in der Ukraine spielt, forderten die beiden Boulevardzeitungen "Bild" und "B.Z." in einer Petition, "Russen-Panzer" vom sowjetischen Ehrenmal in Berlin zu entfernen. Die Petition sei jedoch kontraproduktiv, meint Martin Schulze Wessel, Münchner Sprecher der Graduiertenschule, nicht zuletzt, weil sie historische Unkenntnisse offenbare.

„Russen-Panzer als Symbol kalter Machtpolitik!“, titelten Bild und B.Z am 15. April.  Die beiden Boulevardzeitungen haben damit eine  Petition an den Deutschen Bundestag initiiert, die sich gegen das sowjetische Ehrenmal am Brandenburger Tor richtet. Konkret geht es um zwei T-34 Panzer, die das 1945 errichtete Denkmal zur Erinnerung an den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg flankieren. „In einer Zeit, in der russische Panzer das freie, demokratische Europa bedrohen, wollen wir keine Russen-Panzer am Brandenburger Tor!“, heißt es markig in der Petition, die sich an den Deutschen Bundestag richtet.

T-34 Tanks erscheinen  als unpassendes Symbol in einer Zeit, in der russische Panzer an der Ostgrenze der Ukraine positioniert sind.  Doch sind Assoziationen ein schlechter Ratgeber für Geschichtspolitik. Die T-34 Panzer sind Teil eines Gedenkensembles, das an den Zweiten Weltkrieg erinnert. Das Ehrenmal ist der Ort, an dem Tausender in Berlin gefallener und im Ehrenmal bestatteter Soldaten gedacht wird. Es ist der Ort, der symbolisch das von Hitler geplante Zentrum des nationalsozialistischen Berlins, die Verbindung der Ost-West-Achse und einer geplanten Nord-Südachse durch Berlin, durchschneidet. Schließlich ist es ein Gedenkort, der unmittelbar nach dem Krieg im britischen Sektor von allen vier alliierten Mächten eingeweiht und nach 1989 dem Berliner Senat mit der vertraglichen Auflage übergeben wurde, das Denkmal-Ensemble zu erhalten.

In der Erinnerungskultur Berlins ist das Denkmal heute ein Fremdkörper. Zwar ist das Ehrenmal umgeben von anderen Gedenkstätten. Doch sind deren Ausdrucksformen schlicht und oft abstrakt: An die in der Shoa ermordeten Juden erinnert ein Stelenfeld, an die Verfolgung Homosexueller und der Sinti und Roma gemahnen kleinere, ebenfalls schlicht gehaltene Denkmäler. Dagegen ist der sowjetische Gedenkkomplex, der an den Sieg über NS-Deutschland erinnert, in seiner Größe überwältigend und in seiner Zeichensprache naturalistisch.

Diese Differenz macht deutlich, wie sich Erinnerungskulturen in Russland und in West- und Mitteleuropa seit dem Zweiten Weltkrieg auseinander entwickelt haben. In der europäischen und speziell in der deutschen Erinnerungskultur hat sich seit einigen Jahrzehnten der Trend durchgesetzt, nicht an die Helden, sondern an die Opfer des Krieges zu erinnern. Selbst das Wort „Opfer“ hat seinen Gehalt verändert: Waren damit früher die Kriegstoten gemeint, die ihr Leben für den Krieg bewusst „geopfert“ hatten, so sind heute nicht zuletzt die unfreiwilligen, oftmals wehrlosen Ermordeten und Getöteten des Krieges und der Lager gemeint. Für diese Opfer verbietet sich ein triumphaler Denkmalsgestus.

In sowjetischer Tradition wird in Russland nach wie vor des Sieges und weniger der Opfer gedacht. Zugleich haben die Beerdigungsstätten der gefallenen sowjetischen Soldaten eine hohe symbolische Bedeutung. Wie konfliktträchtig die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist, hat die estnisch-russische Auseinandersetzung um den „Bronzenen Soldaten“ gezeigt. Im April 2007 ordneten estnische Behörden die Verlegung des Denkmals an, das an die Befreiung Estlands von der nationalsozialistischen Herrschaft durch die sowjetische Armee 1944 erinnern sollte. Ein hochemotional geführter Konflikt war die Folge, der von der russischen Regierung nicht nur mit diplomatischen Protestnoten, sondern auch mit Handelsrestriktionen und  Mitteln des cyber war geführt wurde.  Vor allem wurde ein kaum zu überwindender Konflikt zwischen den Erinnerungskulturen Russlands und Estlands vertieft.

Die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Herrschaft in der Sowjetunion darf keinen Einfluss auf die heutige Politik Deutschlands in der Russland-Ukraine-Krise haben. Zusammen mit den anderen europäischen Staaten muss Deutschland gegenüber Russland auf der Einhaltung des Völkerrechts und internationaler Verträge bestehen. Zugleich müssen aber die Erinnerung an die Opfer im Zweiten Weltkrieg und die materiellen Zeugnisse des sowjetischen Sieges über NS-Deutschland von den aktuellen Ereignissen unbeschadet bleiben. Der Konflikt um die Ukraine birgt viele Gefahren der Eskalierung, da Putin ihn ohne Rücksicht auf die Ukraine, auf andere internationale Partner und selbst auf die langfristigen Interessen Russlands führt. Ein einseitiger Eingriff in das Berliner Denkmalensemble würden die Veteranen des „Großen Vaterländischen Kriegs“ und ihre Interessenvertreter als Symbolakt gegen die Erinnerung an die sowjetischen Opfer des Zweiten Weltkriegs verstehen. Das hätte voraussehbare fatale Folgen: Putins Konfrontationskurs gegen den Westen erhielte aus der Sicht weiter Bevölkerungskreise in Russland eine neue, hochemotionale Legitimation.

Ein anderer Effekt ist noch bedenkenswerter: Die Petition richtet sich gegen „Russen-Panzer“. Russische Panzer stehen heute an der Grenze zur Ukraine, aber im Zweiten Weltkrieg siegte eine sowjetische Armee mit sowjetischen Panzern. Dazu gehörten nicht nur Russen, sondern auch Ukrainer. Es ist Putins geschichtspolitische Strategie, den Sieg im Zweiten Weltkrieg als „russischen“ Sieg zu feiern und Ukrainer als Faschisten und Bandera-Anhänger darzustellen. Indem Bild und B.Z. die Entfernung von „Russen-Panzern“ fordern, die tatsächlich sowjetische - und damit ebenso sehr ukrainische wie russische - Panzer waren, unterstützt ihre Petition, wohl unwillentlich, Moskaus Geschichtspolitik. Einen besseren Dienst könnte man Putin kaum erweisen.

Martin Schulze Wessel

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