Neuerscheinung: Degeneration erzählen. Literatur und Psychiatrie im Russland der 1880er und 1890er Jahre

17.01.2018 (13:14)

Um Degenerationserzählungen der russische Literatur des fin de siécle geht es in „Degeneration erzählen. Literatur und Psychiatrie im Russland der 1880er und 1890er Jahre“ von Riccardo Nicolosi. Die Faszination und Breite von Verfallserzählungen, die er darin aufzeigt, speiste sich auch aus der Wechselbeziehungen zwischen Literatur und psychiatrischen Fallstudien. Neben wenig bekannten Austauschbeziehungen zwischen den Größen der russischen Literatur und ihren unbekannten Kollegen werden auch neue Querverbindungen im gesamteuropäischen Kontext aufgezeigt.

Prof. Dr. Riccardo Nicolosi ist Principal Investigator der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien.

Riccardo Nicolosis Studie fördert ein neues, überraschendes Bild des russischen fin de siècle in seinen vielfältigen Beziehungen zum gesamteuropäischen Degenerationsdiskurs zutage. Während die literaturwissenschaftliche Forschung bislang lediglich die Verbindungen zwischen biomedizinischer Kunstkritik (vor allem Max Nordaus Entartung) und der russischen Literatur der décadence und des Symbolismus herausgestellt hat, zeigt Nicolosi das breite Panorama eines antimodernistischen Degenerationsdiskurses, der sich durch die engen Wechselwirkungen von Literatur und Psychiatrie konstituiert.

Die Studie fokussiert die narrative und rhetorische Verfasstheit der Entartung als Erzählmodell, das in Russland in Auseinandersetzung mit westeuropäischen Poetologien und Epistemologien entsteht, und zeichnet die mannigfaltigen Transformationen von Verfallserzählungen zwischen naturalistischer Poetik und psychiatrischen Fallgeschichten, Kriminalliteratur und Kriminalanthropologie, literarischem Darwinismus und Eugenik nach. Politisch konservative Psychiatrie und spätrealistische, naturalistische Literatur figurieren dabei als gleichberechtigte Akteure in einem Prozess der Gestaltung, Veränderung und Infragestellung von Degenerationsnarrativen. In dieser Perspektive offenbaren sich ungeahnte Verbindungen zwischen vergessenen und kanonischen Autoren der russischen Literatur: zwischen Dmitrij Mamin-Sibirjak und Fedor Dostoevskij, Petr Boborykin und Michail Saltykov-Šcedrin, Vladimir Giljarovskij und Lev Tolstoj, Aleksej Svirskij und Anton Cechov.

 

Riccardo Nicolosi: Degeneration erzählen. Literatur und Psychiatrie im Russland der 1880er und 1890er Jahre, Paderborn: Wilhelm Fink 2018.

1. Auflage 2018
410 Seiten
ISBN: 978-3-7705-5307-5

Cover: © 2018 – Verlag Wilhelm Fink

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