Ringvorlesung in München: Bosnien-Herzegowina – 20 Jahre nach Srebrenica und Dayton

12.08.2015 (14:07)

20 Jahre ist es her, dass bosnisch-serbische Truppen die UNO-Schutzzone Srebrenica eingenommen haben,  in die sich bosnische Muslime geflüchtet hatten.  Am 11. Juli 1995 rückten Armee- und paramilitärische Polizeieinheiten unter dem Kommando Ratko Mladićs in die Kleinstadt in Ostbosnien ein. Die überforderte Blauhelmtruppe, welche die Flüchtlinge in Srebenica schützen sollte, ließ sie gewähren. Das von den bosnisch-serbischen Truppen verübte Massaker gilt als der brutale Höhepunkt des Bosnienkriegs.

Die Ereignisse von damals werfen noch heute viele Fragen auf.  Aus diesem Grund hat die Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien (München/Regensburg) gemeinsam mit der Münchner Volkshochschule (MVHS) im Juni 2015 die Vorlesungsreihe „Bosnien-Herzegowina - Die Last der Vergangenheit und die Hoffnung auf die Zukunft“ organisiert. Kooperationspartner waren die Südosteuropa-Gesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde.

Den Auftakt der Reihe machte Marie-Janine Calic, Professorin für Südosteuropäische Geschichte an der LMU München und Mitglied der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien. Als Autorin einschlägiger Sachbücher und gefragte Expertin zu Südosteuropafragen ist sie auch über die Fachwelt hinaus bekannt. Entsprechend großen Zulauf fand ihr Vortrag „Bosnien-Herzegowina - 20 Jahre nach Srebrenica und Dayton“ am 15. Juni 2015 im Vortragssaal der Münchner Stadtbibliothek im Gasteig. Sie erläuterte den historischen und politischen Kontext des Bosnien-Kriegs ebenso wie das Schutzzonenkonzept. Anschließend analysierte sie, welche Irrtümer und Fehler dazu geführt haben, dass die westliche Staatengemeinschaft im Juli 1995 von den Ereignissen überrascht wurde und tatenlos blieb. Außerdem blickte Marie-Janine Calic auf die gegenwärtige Lage Bosnien-Herzegowinas und präsentierte mögliche Szenarien für die weitere Entwicklung des Landes.

Religionskonflikte werden oftmals als eine der entscheidenden Ursachen für die Gewalteskalation in den neunziger Jahren genannt. Das Zusammenleben der verschiedenen Religionen und Konfessionen in der Region vor und nach dem Bosnienkrieg zeichnete Klaus Buchenau, Professor für Südost- und Osteuropäische Geschichte an der Universität Regensburg,  am 23. Juni 2015 in seinem Vortrag in den Räumlichkeiten der LMU München nach. Über Jahrhunderte habe das Zusammenleben der verschiedenen Religionen funktioniert, transreligiöse Rituale etwa seien in gemischt konfessionellen Dörfern keine Seltenheit gewesen. Das änderte sich mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und zwei modernespezifischen Prozessen: der Modernisierung der Religionsgemeinschaften durch religiöse Bildung und Organisation sowie den Nationalismus. Den religiösen Reformern fehlte das Verständnis für transkonfessionelle Praktiken, der Nationalismus war zwar anfangs nicht religiös begründet, erfuhr aber bei seiner Durchsetzung eine religiöse Prägung. Der Bosnienkrieg in den neunziger Jahren sei demnach kein Religionskrieg im eigentlichen Sinne gewesen; allerdings haben religiöse Symbolik, religiöse Narrative und Stereotypen für die Mobilisierung der beteiligten Kriegsparteien eine wichtige Rolle gespielt. In der jüngsten Vergangenheit hätten die Religionsgemeinschaft zwar einen Autoritätsverlust erlitten, doch bürgen sie ein Potenzial der Vergebung, der Reue und der Feindesliebe. Inzwischen seien einige stabile Foren entstanden, von denen Klaus Buchenau den interreligiösen Rat in Bosnien-Herzegowina als Beispiel anführte.

Die Aufarbeitung der Kriegsereignisse im Allgemeinen und des Massakers von Srebrenica im Besonderen standen im Fokus des dritten und letzten Vortragsabends, an dem zwei Mitglieder der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien aus Regensburg referierten: Ger Duijzings, Professor für Sozialanthropologie, sprach über die Arbeit des internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Jacqueline Nießer, Doktorandin im Fach Geschichte, sprach über politische und zivilgesellschaftlichen Initiativen. Duijzings war von 1997 bis 2002 Teil der Forschungsgruppe des Niederländisches Instituts für Kriegsdokumentation, die das Massaker in Srebrenica aufgearbeitet. Als wichtige Errungenschaften des Tribunals nannte er die Feststellung von Tatsachen, die vorher unbekannt gewesen waren, sowie den Umstand, dass damit eine empirische Basis geschaffen worden sei, die die Leugnung der Verbrechen unmöglich mache. Außerdem wertete er es als positiv, dass die individuelle Verantwortung und Schuld von Personen anerkannt worden sei. Auch wenn die Frage nach dem Wie der Verbrechen weitestgehend geklärt sei, bleibe die Frage nach dem Warum. Eine Annäherung könnten die gesammelten Daten wie beispielsweise die Protokolle von Anhörungen ermöglichen, jedoch würde die Auswertung und Analyse mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Jacqueline Nießer wiederum machte deutlich, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit in Bosnien-Herzegowina stark von internationalen Akteuren beeinflusst wird, auch seien zivilgesellschaftliche Initiativen - nicht zuletzt dank der Unterstützung aus dem Ausland - sehr aktiv. Die politische Bereitschaft, sich der Vergangenheit kritisch zu stellen, sei jedoch eher gering. Allzu oft bestünde zwischen den ethnisch konnotierten Erinnerungskulturen kein Austausch. Zudem hätten einige Politiker ein größeres Interesse an der Instrumentalisierung dieser Spannungen als an ihrer Überwindung.

Der rege Zustrom, den alle drei Veranstaltungen gefunden haben, sowie die vielen interessierten Nachfragen aus dem bunt gemischten Publikum haben gezeigt, dass 20 Jahre nach dem Massaker der Bosnienkrieg für viele ein Thema ist und viele offene Fragen bestehen.

Kathrin Krogner-Kornalik

Zurück