Sieg—Befreiung—Besatzung: Kriegsdenkmäler und Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im postsozialistischen Europa

01.04.2015 (11:13)

In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zum 70. Mal. Der Sieg der Roten Armee über NS-Deutschland wird in vielen Ländern Europas feierlich begangen. Der 9. Mai, der „Tag des Sieges“, ist wahrscheinlich der am weitesten verbreitete zelebrierte Kriegsgedenktag der Welt. Während er in Moskau von wirkungsmächtigen Militärparaden begleitet wird, spielt er auch jenseits der russischen Grenzen eine zentrale Rolle - als ein immaterieller Erinnerungsort, der Gemeinschaft stiften und politische Positionen zum Ausdruck bringen kann.

Dennoch sind die Gedenkfeiern zum 9. Mai in der Forschung bislang unterbelichtet geblieben. Weder in Russland noch in anderen postsowjetischen Staaten wie Belarus oder der Ukraine wurden die sozialen Praktiken des Gedenkens an diesem Tag untersucht. Dabei unterliegt das Gedenken an den Krieg und sein Ende in den letzten Jahren einem grundlegenden Wandel. Tradierte Muster werden um neue Elemente erweitert, die auf neue soziale Funktionen und politische Zielsetzungen hinweisen. Die Einsicht, dass die staatliche Symbolpolitik in Wechselwirkung mit lokalen Erinnerungsgemeinschaften wie etwa Veteranenverbänden sowie mit Alltagspraktiken des Kriegsgedenkens steht, wirft für die historische, soziologische und ethnologische Forschung einen dichten Komplex an Fragen auf.

Das Projekt „Sieg—Befreiung—Besatzung: Kriegsdenkmäler und Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im postsozialistischen Europa“ setzt hier an und unternimmt erstmalig den Versuch, die Vorbereitung und Durchführung der Feiern, ihren Bezug zum örtlichen Raum sowie die jeweiligen lokalen Traditionen des Festes systematisch zu untersuchen. Als Forschungsregionen stehen Belarus, Russland, Ukraine, Estland, das Gebiet Transnistrien sowie Ostdeutschland im Fokus. Hier wird jeweils in ausgewählten Regionen die Geschichte der lokalen Kriegsgedenkstätten erforscht und das feierliche Geschehen beobachtet, dokumentiert und im Hinblick auf den regionalen erinnerungspolitischen Kontext analysiert.

Das Forschungsprojekt, geleitet von Ekaterina Makhotina (Graduiertenschule Ost- und Südosteuropastudien) sowie Mischa Gabowitsch und Cordula Gdaniec (Einstein Forum, Potsdam) stützt sich auf ein internationales und fachübergreifendes Forschungsteam: In gemeinsamen Workshops erarbeiten Historiker, Soziologen und Ethnologen aus Russland, Ukraine, Belarus, Estland und Deutschland ein gemeinsames Forschungsdesign und einen methodischen Leitfaden, was anschließend eine Zusammenführung der Ergebnisse in vergleichender Perspektive ermöglicht. Das im Januar 2015 gestartete Projekt ist auf ein Jahr angelegt, 2016 werden die Projektergebnisse in einem Sammelband präsentiert.

Das Projekt „9. Mai: Sieg—Befreiung—Besatzung“ wird von der Graduiertenschule Ost- und Südosteuropastudien, der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst gefördert

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