Sommerschule 2013: Area Studies in a Globalized World: New Approaches and Concepts

01.10.2013 (09:49)

Die erste Sommerschule der Graduiertenschule wurde gemeinsam mit Pasts Incorporated an der Central European University (einer der Partnerhochschulen der Graduiertenschule) in Budapest organisiert. Eine Woche lang beschäftigte sie sich mit zentralen konzeptionellen Fragen der Ost- und Südosteuropaforschung im Kontext einer globalisierten Welt.

Ein sich durch das Programm ziehender roter Faden war die Auseinandersetzung mit der Idee des Transnationalismus. Die beiden CEU-Historiker Balázs Trencsényi und Constantin Iordachi fokussierten in ihrem Vortrag die Methode des historischen Vergleichs und betonten, dass dieser sich mit einer transnationalen Perspektive produktiv verbinden lassen könne. Die ebenfalls an der CEU lehrende Literaturwissenschaftlerin Jasmina Lukić stellte dar, was der transnational turn für die Literaturwissenschaft im Allgemeinen und das Verständnis der in-betweeness der (post-)jugoslawischen Literatur im Besonderen bedeute. Martin Schulze Wessel wies auf die Notwendigkeit hin, sich der transnationalen Dimensionen von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur bewusst zu werden; Ulf Brunnbauer stellte die Genese und Entwicklung des Konzepts des Transnationalismus zur Analyse empirischer Phänomene in der Migrationsforschung dar. Der Linguist Petăr Kehayov, Postdoc der Graduiertenschule, hob hervor, dass transnationale Prozesse auch in Sprachtod münden können. Die Beiträge der Promovierenden und Postdoktorand/innen aus den Studiengruppen reflektierten schließlich über die fachlich jeweils spezifischen Ausprägungen transnationaler Zugänge und deren Relevanz für die eigenen Forschungsarbeiten.

Neben der Debatte über Erkenntnispotenzial, aber auch analytische Grenzen des Transnationalismus beschäftigte sich die Sommerschule mit grundlegenden inhaltlichen Fragen. Dabei wurde insbesondere deutlich, wie wichtig Verflechtungen unterschiedlicher Art für die zentralen Probleme der Geschichte und Gegenwart der Region sind. Die Kulturhistorikerin Jutta Scherrer (EHESS, Paris) betonte in ihrem Vortrag „Was there a better Bolshevism than Lenin’s?“ die Signifikanz grenzüberschreitender Lebenswelten und -erfahrungen für die Debatten um den richtigen Kurs innerhalb der Bolschewiki im vorrevolutionären Exil. Von der Bedeutung divergierender Interessengruppen und deren Chancen, Ressourcen zu mobilisieren, für das Ende des sowjetischen Kommunismus handelte der Vortrag von David Lane (Cambridge) über „Explaining the Transformation from State Socialism“. Die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlicher Transformation, Ungleichheit und Politik standen im Vordergrund von drei Vorträgen, die jeweils unterschiedliche räumliche Ebenen fokussierten: Die Anthropologin Judit Bodnár (CEU) stellte die wichtigsten Thesen ihres Buches „Fin de Millénaire Budapest. Metamorphoses of Urban Life“ vor; der Sozialhistoriker Viktor Karady (CEU) thematisierte in dem Vortrag „Jews, Germans and Other Christians in Competition: Situational and Ethnic Inequalities of Modernization in the Carpathian Basin during the Long 19th Century“ den Zusammenhang von Ethnizität/Konfession und sozialer Hierarchie; und schließlich rückte der Sozialanthropologe Don Kalb (CEU) in seinem Vortrag „Critical Junctions: Notes on Region and Method in the Global Age“ den Rechtspopulismus in Zentraleuropa in den Kontext der durch den globalisierten Kapitalismus ausgelösten sozialen Verwerfungen.

Das abwechslungsreiche und durch Fachexkursionen ergänzte Programm der Sommerschule machte eindrucksvoll deutlich, wie stark Ost- und Südosteuropa in Vergangenheit und Gegenwart durch Globalisierungsprozesse geprägt sind – und wie viel über diese Prozesse am Beispiel der Region zu erfahren ist.

Ulf Brunnbauer

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