Was die Slavistik zum Verständnis neuer Kommunikationsformen leisten kann

10.05.2014 (12:57)

Interview mit Prof. Dr. Dirk Uffelmann

Von Dezember 2013 bis Januar 2014 war Professor Dr. Dirk Uffelmann Visiting Fellow an der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Slavische Literaturen und Kulturen und Vizepräsident der Universität Passau. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der russischen und westslavischen Literatur-, Philosophie- und Religionsgeschichte sowie in den Postcolonial und Internet Studies.Über seine Forschungsschwerpunkte sprachen mit ihm die Doktorandinnen Darina Majernikova und Henriette Reisner.

Herr Professor Uffelmann, Sie beschäftigen sich mit dem osteuropäischen Internet. Inwiefern ist das ein Thema für die Literatur- und Kulturwissenschaft?

Ein wesentlicher Teil von computervermittelter Kommunikation funktioniert nach wie vor über Sprache und Schrift, womit Linguistik und Literaturwissenschaft ins Spiel kommen. Ich glaube, dass wir von philologischer Seite entscheidende Kompetenzen einzubringen haben, wenn es darum geht, das unübersichtliche Hyper-, Multi- oder Metamedium Internet in seinen diversen Nutzungsformen zu beschreiben. Mir geht es beispielsweise darum zu belegen, dass der denkbar alte und konventionelle Begriff der Gattung geeignet sein kann, um die unterschiedlichen rhetorischen Regelsysteme zu beschreiben, die auf verschiedenen Plattformen wie Blogs, Videoportalen, Nachrichtenseiten etc. gelten. Es ist nämlich nicht so, dass die Plattform bzw. das Medium selbst bereits die Botschaft wäre; vielmehr kann ein und dieselbe technische Basis auf divergente Weise genutzt werden, etwa für monologische Journal-Blogs wie für hoch interaktive Community-Blogs, die offline stattfindende Gruppenaktivitäten organisieren.

Sie sind Slavist. Kann man in der Slavistik, die an den Universitäten traditionell in Literatur-, Sprachwissenschaft und eventuell Landeskunde aufgeteilt ist, eine Tendenz zur Beschäftigung mit neuen Medien erkennen, und in welchem Teilbereich ist dann diese Forschung angesiedelt? Ist eine Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Teilbereichen oder auch über Fachgrenzen hinaus notwendig, um das Internet als Forschungsgegenstand zu erschließen?

In einem von Ingunn Lunde initiierten norwegischen Verbundprojekt namens „The Future of Russian: Language Culture in the Era of New Technology“ habe ich 2008 bis 2013 die ausgesprochen positive Erfahrung gemacht, dass die Internetforschung ein ausgezeichnetes Experimentierfeld sein kann, um die Zusammenarbeit der einander methodisch entfremdeten slavistischen Schwestern Linguistik und Literaturwissenschaft auf eine neue Grundlage zu stellen.

Aber die Möglichkeiten für die interdisziplinäre Zusammenwirkung gehen über die postphilologischen Fächer hinaus, wie Martin Schulze Wessel, Philipp Bürger und ich es in einem Projektkurs des Elitestudiengangs „Osteuropastudien“ zu „Kommunismus-Erinnerungen in osteuropäischen Internet-Communities“ 2011/12 erprobt haben. Hier haben Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft im Überschneidungsbereich der Erforschung von Erinnerungskulturen und Mediengattungen ineinander gegriffen.

In jedweder interdisziplinär-kulturwissenschaftlicher Herangehensweise stehen wir vor derselben Herausforderung: Wir können über computervermittelte Kommunikation nicht sprechen, ohne uns eine Technikkompetenz angeeignet zu haben, die zu besitzen für die traditionelle Spitzwegsche Geisteswissenschaft nicht als schick galt. In den Internet Studies wäre es aber nicht schick, sondern fahrlässig, die Filteralgorithmen von Suchmaschinen oder die Privatheitsrisiken von Social Media zu ignorieren.

Wie sollte die Forschung auf die Veränderungen, die das Internet mit sich bringt, reagieren? Sind neue Methoden und theoretische Ansätze notwendig, um den veränderten Kommunikationsformen gerecht zu werden?

In dem sich entwickelnden Forschungsfeld der Digital Humanities, die sich in der Slavistik allenfalls in den Kinderschuhen befinden, steckt das Potenzial, die traditionellenhermeneutisch-qualitativen Methoden mit quantitativen zu ergänzen. Wir befinden uns in einer Situation nach dem Ende der Informationsknappheit: Forscherinnen und Forscher stehen immer seltener vor der Herausforderung, bisher völlig unzugängliche Informationen ausfindig zu machen, und immer drastischer vor der (zerebralen Über-)Forderung, aus einem Wust von potenziell verfügbaren Daten aussagekräftige Ergebnisse herauszuziehen. Ich poche auf die von der Literaturtheorie entwickelten Kompetenzen langsamen Lesens im Detail, glaube aber, dass wir bei stetig wachsenden Datenmengen auch Kompetenzen erwerben müssen, wie wir Big Data überhaupt erst auf eine lesbare Menge reduzieren, ohne bei dieser Reduktion das Entscheidende zu übersehen.

Wenn man an Internet-Plattformen, in denen Diskussionen geführt werden, denkt, zeichnen sich viele von ihnen durch Anonymität aus, so dass man keine Aussagen z.B. über den sozialen oder kulturellen Hintergrund der Nutzer treffen kann. Lassen sich trotzdem Erkenntnisse gewinnen, die über den Einzelnen hinausgehen?

Als Literaturwissenschaftler würde ich rückfragen: Muss sie das? Genügt uns nicht die Herausarbeitung individueller Kommunikationsstrategien? Sollten wir nicht auch bei computervermittelter Kommunikation Wert darauf legen, langsam, bohrend, gegen den Strich zu lesen und die spezifische Holprigkeit und Widerständigkeit bestimmter individueller Kommunikationsformen als einzelnen Erkenntnisgegenstand zu würdigen?

Doch stellt sich hier wieder der heuristische Zusammenhang von Quantität und Qualität. Im Internet können wir nicht automatisch die Aura eines einzelnen Objekts voraussetzen, dessen Qualität über jeden Zweifel erhaben wäre (wiePuškinsEvgenij Onegin), sondern stehen vor der Notwendigkeit, erst einmal die Relevanz unserer Selektion zu begründen: Erkennen wir beispielsweise wiederkehrende Muster in der Art und Weise, wie Individualität durch digitale Medien performiert wird? Meinen Mitarbeiter Gernot Howanitz und mich interessiert zurzeit, wie durch die Nutzung von Mobiltechnologie Selbstbilder generiert werden. Dazu müssen wir die Literaturtheorie der Autobiografie sowohl mit der Technik eingebetteter Systeme als auch der Analyse großer Datenmengen zusammenbringen.

Worin besteht dann die osteuropäische oder slavische Spezifik?

Meines Erachtens gibt es nicht die eine Technik, die weltumspannend gleiche Nutzungen hervorbringt. Vielmehr ist es eine Herausforderung für die Kulturwissenschaft der Zukunft, divergente Technikkulturen zu beschreiben. Wenn ich bei meinem Beispiel der Selbst-Performanz durch Mobiltechnologie bleibe, würde ich behaupten, dass der Apple-Hype in Moskau andere Ausprägungen erfahren hat als etwa in New York oder Tokio. Die Gründe dafür wären einmal in verschiedenen literarischen Gattungstraditionen zu suchen, aber auch in der Sozialstruktur und der politischen Kultur des Landes: Hat das Internet eine Ersatzfunktion für eine weitgehend entmachtete vierte Gewalt Presse zu spielen? Wenn den offiziellen Medien nicht getraut wird, wie wird dann personale Autorität in informellen Kurzgattungen wie Twitter konstruiert? Könnte die Habermassche These von den fragmentierten Öffentlichkeiten im Internet und die Noelle-Neumannsche Schweigespirale vielleicht gerade durch das russische Internet (Runet) widerlegt werden, in dessen Arena regelrechte „heilige Kriege“ (cholivary) zwischen weltanschaulich diametral entgegengesetzten Gruppen ausgetragen werden? Das geht nicht zuletzt bis in die Mikroebene der Internetsprache hinein, bestimmte Jargons wie Olbanskij, mit denen sich Communities als exklusive In-Groups konstituieren.

Ihr zweiter aktueller Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Postcolonial Studies. Welche Besonderheiten lassen sich aus Sicht der Postcolonial Studies für den osteuropäischen Raum feststellen?

Von meinen Kollegen in der Geschichtswissenschaft kommt nahezu reflexartig der Einwand, dass wir es in der kontinuierlichen Landmasse des östlichen Europas und Eurasiens nicht mit (überseeischen) Kolonien sensu stricto zu tun hätten. Das ist richtig, bedeutet aber in keiner Weise, dass die von den angloamerikanischen Postcolonial Studies bereitgestellten Kategorien wie mimicry, Subalternität oder Inbetweenness nicht zu einer heuristischen Anwendung kommen könnten. Zusammen mit Aleksandr Ėtkind gehe ich davon aus, dass koloniale Gefälle durch die Konstruktion kultureller Differenzen erzeugt werden, wofür es keine scheinobjektiven Gegebenheiten braucht wie einen zwischen Kolonisator und Kolonisiertem liegenden Ozean oder eine rassische Differenz, die ja um nichts weniger kulturell konstruiert ist als jede andere Differenz.

Welchen Beitrag leistet die slavistische Orientalismusforschung zu den Postcolonial Studies und welche neuen Forschungsfelder eröffnen die Postcolonial Studies im Bereich der Slavistik?

Es gibt bestimmte Bereiche der Osteuropaforschung, in denen die Postcolonial Studies früher rezipiert wurden als in anderen: Die Ukraine und das Baltikum, aber auch die Bosnien-Forschung sind hier etwa der Bohemistik um viele Jahre voraus. Ein besonderer Beitrag der Slavistik zu den Postcolonial Studies kann aus Fällen herrühren, wo ein und dieselbe Kultur gleichermaßen Objekt wie Subjekt von Orientalisierung geworden ist, etwa Polen und die Ukraine. Die polnische Germanistik, etwa Izabela Surynt, hat herausgearbeitet, wie deutsche Schlesienliteratur Polen orientalisiert, während Maxim Waldstein mit einem Aufsatz, in dem er den polnischen Blick auf Russland als orientalisierend analysiert, in Polen eine Welle der Entrüstung ausgelöst hat. Ähnliches war jüngst beim amerikanischen Slavistenkongress im November 2013 in Boston zu beobachten, wo von polnischer Seite Einwände dagegen kamen, neben der quasi-kolonialen Unterdrückung Polens in der Zeit der Teilungen auch eine innere Kolonisierung Russlands zu untersuchen, wie Ėtkind, Kukulin und ich sie 2012 in einem bei Novoe literaturnoe obozrenie in Moskau herausgegebenen Band Tam, vnutri [Dort innen] ausgelotet haben.

Was versteht man unter den von Ihnen vertretenen Konzepten der inneren Kolonisierung und der Selbstorientalisierung?

Innere Kolonisierung und Selbstorientalisierung scheinen mir gegenläufige Prozesse. Ich habe in Tam, vnutri ein idealtypisches Ablaufschema vorgeschlagen für die Reaktion, die in einer Kultur abläuft, die von außen orientalisiert sieht: Auf äußere Orientalisierung können zwei verschiedene Reaktionen erfolgen: Einerseits das Akzeptieren des negativen Heterostereotyps als berechtigt und – im ersten Schritt – eine daraus folgende Selbstkolonisierung einer Elite und – in einem weiteren Schritt – eine gewaltsame innere Kolonisierung der eigenen Bevölkerung. Andererseits kann die Konfrontation mit negativen Heterostereoptypen aber auch eine trotzige, spielerische Selbstorientalisierung auslösen.

Welche Rolle spielt der Orient in den jeweiligen nationalen Diskursen?

Eine jeweils unterschiedliche, sogar lokal spezifische, denken Sie etwa an die Petersburger Ägyptomanie. Ein besonders interessanter Spezialfall ist Polen, wo es ungefähr seit der Zeit der Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts ebenso negative, spielerisch-trotzige Verfahren der Selbstorientalisierung gibt wie in vielen anderen europäischen und außereuropäischen Kulturen. Vorangegangen ist dem im polnischen Fall aber eine positive Selbstorientalisierung, die es in anderen Kulturen so nicht gibt und die auf die (militärische) Nachbarschaft mit dem Osmanischen Reich und die Spekulationen über eine sarmatische Herkunft des polnischen Adels seit Mitte des 16. Jahrhunderts zurückgeht. Mich beschäftigt zurzeit der Kippmoment von positiver Selbstorientalisierung polnischer männlicher Adliger mit ihren persischen Krummsäbeln und türkischen Gewändern hin zu einer negativen Selbstorientalisierung, die wir spätestens am polnischen Sentimentalismus ablesen können.

Neben dem Phänomen der Selbstorientalisierung gibt es im osteuropäischen Raum (z.B. in Russland) auch eine Tendenz zur Orientalisierung ‚östlicher‘ Nachbarn oder ethnischer Minderheiten. Wie verhält sich diese zum Konzept der Selbstorientalisierung?

Es ist die Umkehrung: Orientalisierung anderer impliziert Selbstokzidentalisierung. Letztere ist weitaus häufiger, ja geradezu eine Grundnote der europäischen Kulturgeschichten, die mit einem zu einfachen teleologischen Schema als Zivilisierungsgeschichte beschrieben worden ist, worüber Ungleichzeitigkeiten und interkulturelle Aneignungsprozesse vernachlässigt werden. Hier gilt es, das Moment des kolonial-kulturellen Oktrois stärker herauszuarbeiten. Insgesamt aber sind auch alternative Modernisierungsprozesse durchaus gut ausgeleuchtet, weshalb ich die Erforschung von paradoxen Attitüden wie positiver wie negativer Selbstorientalisierung für produktiver halte.

Gibt es zwischen Ihren Forschungsschwerpunkten zum Internet und zu den Postcolonial Studies auch Berührungspunkte?

Ja, ich meine, dass den Internet Studies auch nach dem von Goggin und McLelland 2007 geforderten international turn eine Dosis postkolonialer Reflexion gut tun würde. Weniger zwischen den nationalen Interneträumen als zwischen den Sprachgemeinschaften gibt es nämlich ein eklatantes politisches und ökonomisches Machtgefälle. Mich beschäftigt das in Bezug auf das Runet und seine Nutzung außerhalb der Grenzen der Russischen Föderation. So frage ich mich, wie es zu bewerten ist, wenn kasachische und kirgisische Bloggerinnen und Blogger, die das russischsprachige Internet nutzen und mit gestalten, also als dessen Prosumerauftreten, eine alternative Öffentlichkeit außerhalb des Zugriffs der repressiven Regime Zentralasiens durch eine Art ‚Tamizdat‘ auf Websites mit Top Level Domain .ru kreieren. Einerseits werden sie damit durch die Moskauer Internet-Unternehmen, auf deren Plattformen sie sich äußern können, und durch die russische Sprache, die als sowjetische Kolonialsprache assoziiert wird, ‚fremdbestimmt‘. Andererseits gelangen sie nur heraus aus der subalternen Situation des Nicht-Gehört-Werdens, wenn sie sich dergestalt ‚fremdbestimmen‘ lassen. Ich halte es für viel versprechend, in der kommunikationswissenschaftlichen Runet-Forschung mit einem Kernargument der Postcolonial Studies, mit Gayatri SpivaksFrage „Can the Subaltern Speak?“ und ihrer späteren Antwort „she is not able to be heard“ zu arbeiten.

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