Workshop für Umweltgeschichte Tschechiens und der Slowakei, 5.–7. Juni 2015 in Kobylí (Tschechien)

28.07.2015 (09:16)

Umweltgeschichte wird von ihren Befürwortern nicht selten als „Überdisziplin“ gefeiert. Allerdings handelt es sich dabei nicht um einen Versuch, ein neues master narrative der Geschichtsschreibung zu entwerfen. Umweltgeschichte ist zuvorderst eine Reaktion auf das Bedürfnis, die natürliche Umwelt in den Reflexionsrahmen der Gesellschaft einzubeziehen. Dass diese Aufgabe ein Zusammenspiel verschiedener Disziplinen erfordert, scheint unbestritten. Doch offen bleibt die Frage, in welchem Verhältnis die beteiligten Disziplinen jeweils zueinander stehen. Ist Umweltgeschichte inter-, multi- oder gar „crossdisziplinär“?

Um diese Frage zu diskutieren, lud die Werkstatt für die Umweltgeschichte Tschechiens und der Slowakei zu einem Workshop ein, der vom 5. bis zum 7. Juni 2015 im südmährischen Kobylí stattfand. Der Workshop wurde in Kooperation mit dem Collegium Carolinum (München), der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropatudien (München/Regensburg), dem Herder-Institut (Marburg) und dem Historical Geography Research Centre (Prag) organisiert.Von Seiten der Graduiertenschule war Arnošt Štanzel, der seine Dissertation über die Wasserwirtschaft in Rumänien und der Tschechoslowakei schreibt, maßgeblich an der Organisation beteiligt.

Der Veranstaltungsort wurde bewusst gewählt: Die hiesige vom Weinanbau geprägte Kulturlandschaft bietet eine Reihe anschaulicher Beispiele von Veränderungen der Landschaft als die Folge unterschiedlicher Nutzungen. Eine geführte Exkursion in die Umgebung von Kobylí gehörte daher zum Programm des Workshops.
Das Ziel der Tagung war es, die Möglichkeiten einer interdisziplinären Zusammenarbeit zu beleuchten und dem umwelthistorischen Netzwerk eine Plattform zu geben. Eine besondere, wenn auch erfreuliche Herausforderung stellte für die OrganisatorInnen die Vielzahl der beteiligten Disziplinen dar. Um den Austausch zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern zu erleichtern und die Vielzahl der Theorien und Methoden verschiedener Disziplinen zu präsentieren sowie zugleich allen Teilnehmenden die Gelegenheit zu bieten, ihre umwelthistorischen Forschungsvorhaben oder abgeschlossene Projekte vorzustellen, setzten die OrganisatorInnen auf das Format des Workshops mit interaktiven Elementen.
Eröffnet wurde der Workshop mit einem Vortrag von Jiří Janáč (Prag). Janáč beleuchtete kritisch das Verhältnis der tschechischen Historiographie zur Umweltgeschichte, machte die Wahrnehmungen aus, die es der Umweltgeschichte schwer machen, in der tschechischen Historiographie Fuß zu fassen. Dazu zähle die Vorstellung, es handele es sich um marginales Thema genauso´wie die Befürchtung, Umweltgeschichte diene per se einer ökologischen Weltanschauung und sei daher stark ideologisiert. In Bezug auf die vorherrschenden Vorstellungen und Befürchtungen warf Janáč provokative Fragen nach dem Mehrwert der Umweltgeschichte auf. Die formulierten Annahmen und Fragen regten eine kontroverse und inhaltsreiche Diskussion an, die bis zur letzten Stunde des Workshops mitreißend geführt wurde.
Der zweite Tag des Workshops stand im Zeichen der Vielfalt der umwelthistorischen Zugänge.
Im Rahmen eines „World Cafés“ stellten ExpertInnen der umwelthistorischen Archäologie (Filip Havlíček), der Geographie (Pavel Chromý), der historischen Klimatologie (Jarmila Buriánová) und der Geschichte (Ľudovít Hallon) die Methodologie ihrer Disziplinen vor. Zunächst in kleinen Gruppen und anschließend im Plenum ging es darum aufzuzeigen, welche Anknüpfungspunkte die jeweiligen Disziplinen der Umweltgeschichte bieten. Im Hinblick auf die eingangs formulierte Frage nach der Art der Zusammenarbeit wurde über den Wert der disziplinären Grenzen diskutiert. Disziplinäre Grenzen aufzubrechen, ohne das methodologische Grundgerüst der jeweiligen Disziplinen umzustürzen, schien vielen Teilnehmenden ein begründetes Anliegen zu sein. Ähnliche Funktion wie das „World Café“ erfüllte die am Nachmittag stattfindende Poster-Session. Entsprechend der Vielzahl der beteiligten Disziplinen war auch das Spektrum der Forschungsrichtungen weit. Es reichte von dem klassischen Thema des Natur- und Umweltschutzes über Themen der in Tschechien traditionell starken land-use-Forschung, die historische Klimatologie, die Kulturgeschichte der Umwelt bis hin zum Feld der umwelthistorischen Archäologie. Alle Abstracts sowie die einzelnen Poster werden auf der Homepage der Werkstatt für Umweltgeschichte Tschechiens und der Slowakei veröffentlicht. Sie können ab dem 1. August 2015 unter der folgenden Adresse abgerufen werden:
http://environmentalni-dejiny.org/.
Viel Raum wurde auch dem Zustand der Umweltgeschichte in der Slowakei gegeben. Peter Chrastina (Nitra) verfolgte die umwelthistorischen Ansätze, die in der Slowakei in den 1970er Jahren im Rahmen der Landschaftsökologie aufkamen. Sie wurden in den letzten Jahren vorwiegend von den Naturwissenschaften, weniger von den Geisteswissenschaften aufgegriffen. Ähnlich wie in Tschechien fehle es in der slowakischen Wissenschaft an institutionalisierten Strukturen, die umwelthistorische Fragestellungen sowie eine methodologische Diskussion fördern würden.
Der Workshop wurde mit einer Exkursion in das Biosphärenreservat Pálava abgerundet. Der Einfluss der wirtschaftlichen Nutzungen auf die Verfasstheit der Landschaft wurde am Beispiel eines von der Niederwaldwirtschaft geprägten Forstes und eines erhaltenen Auenwaldes kontrastierend erklärt. Auch hier ging es primär darum, die theoretischen Annahmen an praktischen Beispielen zu demonstrieren.
Wie weiter? war die Frage, die sich die Teilnehmenden zum Abschluss des Workshops stellten. Nach der resümierenden Diskussion um die Spezifika, die eine ostmitteleuropäische Umweltgeschichte legitimieren, ging es darum, wie sich das Netzwerk der tschechischen und slowakischen UmwelthistorikerInnen künftig organisieren will und welche anderen Formate des Austauschs zur Verfügung stehen. Dem Echo nach zu urteilen, das der Workshop auslöste, scheint die tschechische und slowakische Umweltgeschichte im Begriff zu sein, an Fahrt zu gewinnen. Die Teilnehmenden sprachen sich dafür aus, sich neben einem alljährlichen Arbeitstreffen für die Austragung von Konferenzen einzusetzen. Bereits vor Ort wurde es konkret. Es wurden die Planungen aufgenommen, im Jahr 2016 im Rahmen der ESEH (European Society for Environmental History) eine internationale Summer School zum Thema Wasser in Tschechien zu organisieren.

Jana Piňosová

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