Workshop: Sieg - Befreiung - Besatzung

16.04.2015 (10:47)

Kriegsdenkmäler und Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im postsozialistischen Europa

Die Frage, wie der 9. Mai, der Tag des Sieges über den Nationalsozialismus, in Russland in diesem Jahr gefeiert wird, ist seit einigen Wochen ein wichtiges Diskussionsthema in der deutschen Tagespresse. Das Konfliktpotential dieser Gedenkfeier ist tatsächlich nicht zu übersehen – die Frage der Teilnahme und Nicht-Teilnahme an der festlichen Parade am Roten Platz in Moskau wird bis in die höchste politische Ebene hitzig diskutiert. Gleichwohl ist der 9. Mai viel mehr als „nur“ ein offizieller Erinnerungstag des Kremls an den siegreichen Krieg der Sowjetunion.

Im postsowjetischen Raum messen unterschiedliche politische und gesellschaftliche Gruppen dem 9. Mai jeweils eigene, spezifische Bedeutungen und Funktionen zu: Die Teilnahme an den Feierlichkeiten mitsamt der dazugehörigen Symbolik kann einer sozialen Kohäsion dienen und als Bekenntnis zu einer ethnischen Minderheit, zu einem bestimmten Geschichtsbild sowie als Ausdruck der Protesthaltung gegen die herrschende Politik fungieren.

Wie die sozialen Praktiken zu den diesjährigen Jahrfeiern des Kriegsendes in Europa in bestimmten Regionen Russlands, der Ukraine, Weißrusslands, Estlands und Deutschland ausfallen werden, untersucht ein internationales Forschungsteam im Rahmen des Projektes „Sieg - Befreiung - Besatzung“, welches von Ekaterina Makhotina (Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien) und Mischa Gabowitsch sowie Cordula Gdaniec (Einstein Forum) geleitet wird. Am 11. und 12. April 2015 traf sich das Forschungsteam an der Graduiertenschule in München, um sich über das gemeinsame methodologische Vorgehen auszutauschen und ihre Forschungsfelder zu diskutieren. Im Fokus der Feldforschung, die unmittelbar nach dem Workshop begonnen hat, stehen Regionen Grodno, Vitebsk, Minsk (Weißrussland), Smolensk, Tomsk, Pskov (Russland), Kiew, Odessa, Donezk (Ukraine), Tallinn und Tartu (Estland) sowie Konfliktregionen wie Krim (Simferopol, Bachtschisaraj) und Transnistrien (Tiraspol‘).

Den Auftakt zum Workshop bot ein öffentlicher Vortragsabend „Der 9. Mai: Rückschau und Ausblick“: Hier gewährten beide Projektleiter, Mischa Gabowitsch und Ekaterina Makhotina sowie Jochen Hellbeck, Koordinator des ukrainischen Forschungsteams, Einblicke in die Gedenkfeiern in Berlin, Vilnius und Kiew. Die Kurzvorträge, die die Ergebnisse der Feldforschung des vorangegangenen Pilotprojektes aus den Jahren 2013/14 zusammentrugen, wurden mit Bildimpressionen aus den drei Städten begleitet. Ein bildreicher Beitrag von Jochen Hellbeck zum 9. Mai 2014 in Kiew findet sich auf Eutopia.

Anschließend diskutierten die aus Russland, der Ukraine, Weißrussland, Moldau und Estland angereisten Wissenschaftler mit den Münchenern und Berliner Kollegen ihre Eindrücke bei einem informellen Umtrunk.

Mehr zum Thema der 9. Mai im postsowjetischen Raum erscheint demnächst im Blog der Graduiertenschule „Erinnerungskulturen. Erinnerung und Geschichtspolitik im östlichen und südostlichen Europa“.

Das Projekt „9. Mai: Sieg—Befreiung—Besatzung“ wird von der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien, der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst gefördert.

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