[Workshop] World Regions Between Global History and Scenarios of Power and Civilization

31.07.2014 (08:04)

Workshop der Graduiertenschule Ost- und Südosteuropastudien am 24 Juli 2014 in München

Area Studies, die untereinander und mit der Geschichtswissenschaft im Gespräch stehen, bietet sich ein interessantes Panorama dar. Während Globalgeschichtsschreibung vom Imperativ des Pluralismus in einer multipolaren und verflochtenen Welt angeleitet wird, heben staatliche Präsentationen vergangene, wieder gewonnene oder erhaltene Größe hervor und projizieren die angestrebte Hegemonie des eigenen Landes in die Welt. Diese Konstellation leuchteten die Vorträge und Diskussionen auf dem Workshop „World Regions between Global History and Scenarios of Power and Civilization: China, Turkey, Russia and the USA in Comparison“ am 24. Juli 2014 in München tiefer aus.

In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten hat sich in der Geschichtsschreibung die Globalgeschichte einen festen Platz erworben. Sie lässt sich vom Imperativ leiten, den Eurozentrismus zu überwinden und eine kosmopolitische und pluralistische Geschichte der Welt sowie ihrer Regionen und Nationen in translokalen Verflechtungen zu schreiben. Weltregionen wie Europa oder der Westen sollen nicht länger eine heuristische Hegemonie über außereuropäische Weltregionen ausüben.

Der chinesische Traum von einer erneuerten Nation

In einem impliziten Widerspruch zu dieser kosmopolitischen Globalgeschichte stehen Repräsentationen von Staaten, die Ansprüche auf die exklusive Repräsentanz von zu Zivilisationen überhöhten Reichen und Nationen erheben. Die Staatsführungen Russlands und Chinas verfolgen einen Kurs der Wiedererlangung verlorener Größe. Die Führungsriege der Kommunistischen Parteis (KP) Chinas sieht ihre zentrale Aufgabe darin, Größe und Weltgeltung Chinas zu erhalten und auszubauen. Historisch begreift das nominell kommunistische Regime sich als Antithese zur Epoche des Verlusts chinesischer Unabhängigkeit, die mit dem Ersten Opiumkrieg 1840–42 begann und sich mit der fremden Verfügung über chinesisches Territorium auf der Versailler Konferenz 1918/19 fortsetzte. Nicht zufällig hielt der neue Parteichef Xi Jinping seine erste programmatische Rede im Nationalmuseum von Peking anlässlich seines Besuchs der Ausstellung „Der Weg der Erneuerung“. Dort bietet die KP dem interessierten Besucher die Geschichte Chinas seit dem Ersten Opiumkrieg bis in die Gegenwart dar. Der Rückblick auf die vergangenen 170 Jahre stellt sich Xi Jinping als Erneuerung der chinesischen Nation dar, die nun vor ihrem Abschluss und einer großartigen Zukunft stehe.

Nationale Größe und Einheit als Chiffren der offiziellen russischen Geschichtspolitik

Größe und Einheit der Nation bilden auch den Nenner der offiziellen Geschichtspolitik Russlands unter Vladimir Putin. Der russische Präsident hat in seiner Rede vor der föderalen Versammlung Russlands 2007 das Ende der Sowjetunion als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Am 14. März 2014, als Putin die Eingliederung der Krim in die Russländische Föderation verkündete, hielt er fest, der Westen habe seit dem 18. Jahrhundert versucht, Russland zu isolieren. Nun müsse Russland sich auf seinen eigenen Weg und seine eigenen Werte besinnen.

China und Russland unterhalten staatlich geförderte Kulturinstitute, die die Botschaft von der wieder gewonnenen Größe ihre Länder in die Welt tragen sollen: die Konfuzius-Institute und die Stiftung „Russische Welt“ („Russkij Mir“). Die Konfuzius-Institute stehen aktuell im Mittelpunkt einer Debatte um ihre Neuausrichtung. Strittig ist in China vor allem die Frage, wie sich die Institute gegenüber der Sinologie in westlichen Ländern verhalten sollen: wissenschaftlicher Kooperationsversuch versus kultureller Alleinvertretungsanspruch lautet hier die Frage. Die Stiftung Russkij Mir wiederum steht für eine Präsentation Russlands in orthodoxen, eurasischen und neoimperialen Kategorien.

Neo-Osmanismus in der Türkei

Die Türkei lässt sich hier China und Russland durchaus an die Seite stellen. Die Regierung Erdogan ruft Türken außerhalb der Türkei zur Integration in ihre Aufnahmegesellschaften auf, mahnt aber gleichzeitig an, die Verbindungen zur türkischen Sprache und Nation nicht abreißen zu lassen. Im Nahen Osten strebt die Türkei die Position einer regionalen Groß- und Ordnungsmacht an. Auf Auslandsreise appellierte Erdogan im Herbst 2011 in Kairo, Tunis und Tripolis an „eine sehr lange gemeinsame Geschichte“ und gab damit einmal mehr Anlass zu Diskussionen seines Neo-Osmanismus.

Die Dominanz der USA im 21. Jahrhundert

Auf den ersten Blick scheint sich die USA von solchen Konstellationen, in denen Vorstellungen eigener Größe in die Außenwelt kommuniziert werden, scharf abzuheben. Der Boulevard beschwört den Niedergang und die tiefe kulturelle Spaltung im Innern der einstigen Supermacht des 20. Jahrhunderts. Doch lässt sich der aktuelle Dissens zwischen Republikanern und Demokraten auch als Disput darüber lesen, wie die Dominanz der USA im 21. Jahrhundert fortgeführt werden könnte. Den Beginn seiner Präsidentschaft inszenierte Barack Obama 2009 als Kontrapunkt zur neokonservativ militärisch ausgerichteten Außenpolitik seines Vorgängers George W. Bush: die Vision einer atomwaffenfreien Welt, der Dialog mit dem Islam und die Ankündigung eines neuen Anlaufs zur Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts sind hier zu nennen. Der Friedensnobelpreis brachte internationale Aufmerksamkeit. Aussagekräftiger über Obamas Blick auf die USA in der Welt ist jedoch seine bewusste Strategie, die USA pazifisch zu orientieren. Von den voranstehenden Ausführungen über die Repräsentationen Chinas, Russlands und der Türkei unterscheidet sich die amerikanische Positionierung in der Welt vor allem dadurch, dass sie nicht verlorene Größe reinszenieren, sondern globale Dominanz erhalten möchte.

Weltregionen zwischen Gobalgeschichte und Machtszenarien

Area Studies, die untereinander und mit der Geschichtswissenschaft im Gespräch stehen, bietet sich mithin ein interessantes Panorama dar. Während Globalgeschichtsschreibung vom Imperativ des Pluralismus in einer multipolaren und verflochtenen Welt angeleitet wird, heben staatliche Präsentationen vergangene, wieder gewonnene oder erhaltene Größe hervor und projizieren die angestrebte Hegemonie des eigenen Landes in die Welt. Diese Konstellation haben die Vorträge und Diskussionen auf dem Workshop „World Regions between Global History and Scenarios of Power and Civilization: China, Turkey, Russia and the USA in Comparison“ am 24. Juli 2014 in München tiefer ausgeleuchtet.

Global- und Weltgeschichte in China

Dominic Sachsenmaier (Bremen) lieferte einen Überblick über den Stellenwert von Global- und Weltgeschichte sowohl in der universitären Historiographie als auch auf dem Buchmarkt Chinas. Die chinesische Historiographie blickt dabei auf eine lange Tradition von Weltgeschichtsschreibung und Geschichtsschreibung über China zurück. Insbesondere die akademische Weltgeschichtsschreibung hat in der jüngsten Vergangenheit in China einen enormen Aufschwung erfahren, der nicht zuletzt von einer hohen Zahl von chinesischen Rückkehrern nach Studium und/oder Promotion in den USA nach China getragen wird. Im universitären Feld der Weltgeschichte wie auch auf dem Buchmarkt lässt sich ferner eine Vielstimmigkeit von Ansätzen und Positionen beobachten. Globalgeschichte kann in China die Stärkung von Forschungskompetenz zu nicht-chinesischen Ländern und Regionen, eine Neubestimmung Chinas in der jüngeren Globalgeschichte, aber auch die Zuschreibung einer herausgehobenen Bedeutung Chinas in der Welt bedeuten.

Die Selbstdarstellung Russlands

Die Russlandsektion eröffnete Ekaterina Makhotina (München) mit einem Verweis auf ein Papier des Russländischen Außenministeriums mit dem Titel Integrated Strategy for Expanding Russia’s Humanitarian Influence in the World, das bis zum Ende des Sommers veröffentlicht werden soll. Das Ziel ist die Hebung des Images Russlands in der Welt. Ekaterina Makhotina lieferte sodann eine Typologie historisch unterlegter Selbstdarstellungen Russlands, die von diesem Strategiepapier erwartet werden kann: Russlands militärische Macht, die Verteidigung der Heimat – oftmals durch große Heldenfiguren –, Russland als wissenschaftlich und technologisch innovatives Land sowie Russland als eigene Zivilisation, momentan vor allem als Bastion konservativer Werte – diese self-images sind bereits jetzt in der Bildsprache der staatlichen Selbstdarstellung Russlands erkennbar und lassen Rückschlüsse auf Russlands Selbstverortung in der globalen Gegenwart zu. Daran knüpfte Marina Mogil’ner (Chicago) mit einem Vortrag an, der auf den Erkenntnisgewinn zielte, den die Globalgeschichte aus dem Studium der Geschichte Russlands als Imperium ziehen könnte. Vor allem an den Beispielen der Slavophilen und Eurasier machte sie fest, wie Akteure in einer politisch nichtkolonialen Situation sich nichtsdestoweniger in einer kulturell subalternen Position – hier gegenüber Europa – wiederfinden und ihre Texte somit eine postkoloniale Lesart nahelegen. Mogil’ner zufolge lassen sich auch eine sowjetische Konzeption von drei Welten und die postsowjetischen Identitätsdiskurse einem übergeordneten postkolonialen Narrativ zuordnen.

Außenpolitische Debatten und Geschichtsschreibung in den USA

Das panel über die USA eröffnete Volker Depkat (Regensburg) mit einem Vortrag über die Positionierung der USA in der Weltpolitik von Woodrow Wilson bis George W. Bush. Depkat kritisierte zunächst die schematisch und gern gebrauchten Schablonen von Isolationismus und Internationalismus zur Kennzeichnung amerikanischer Selbstverortung in der Welt. An ihrer Stelle schlug er das flexiblere Begriffspaar Unilateralismus versus Multilateralismus vor, das den Argumentationsgängen amerikanischer Außenpolitikdebatten besser entspricht. Vor diesem Hintergrund folgte dann ein Referat über Amerikas Engagement in der Welt, das Wandel und Nuancen nicht ausblendete, jedoch eine große Kontinuität betonte. Insgesamt sieht Depkat alles Engagement der USA in der Welt vom Nenner eines liberalen Internationalismus abgedeckt. Marcus Gräser (Linz) betonte sodann im Anschluss eine große Differenz der amerikanischen Historiographie zur deutschen: anders als hierzulande handelt es sich bei der amerikanischen universitären Geschichtsschreibung um ein akademisches Milieu, das vollkommen vom Staat separiert ist. Die Innovation der Globalgeschichte in den USA führt Gräser darauf zurück, dass die amerikanische Historikerschaft sich im gesamten 20. Jahrhundert als eine transnationale Gruppe verstand. Von diesem transnationalen Selbstverständnis aus war es ein naheliegender Schritt zu einer Globalgeschichte der Vielfalt.

Globalgeschichte in der türkischen Historiographie

Damit kontrastiert der Status von Globalgeschichte in der türkischen Historiographie, wie Halil Berktay (Istanbul) ihn skizzierte. Die türkische Begegnung mit der Weltgeschichte verortet Berktay in der Zeit der Tanzimatreformen (1839–1876). Weltgeschichte war eine von vielen Herausforderungen der Modernisierung im Osmanischen Reich. Langfristig aufgegriffen worden ist sie Berktay zufolge nicht. Türkische Schulgeschichtsbücher der 1940er Jahren ließen eine gestiegene Aufmerksamkeit für Geschichte außerhalb der Türkei erkennen – ein Potential, das sich Berktays Urteil zufolge jedoch in der Folgezeit nicht realisierte. Der Fokus der Historiographie blieb auf der Geschichte des Osmanischen Reiches und der Türkei, so dass aktuell nicht von einer türkischen Globalgeschichtsschreibung gesprochen werden könne. Den facettenreichen Kenntnisstand einer Gesellschaftsgeschichte des Osmanischen Reiches nutzte sodann Christoph Neumann (München) für eine Kritik am Buch Strategic Depth (2001) des türkischen Außenministers Davutoğlu. Dessen Ausführungen über eine pax ottomanica las Neumann als implizites – und aus geschichtswissenschaftlicher Sicht – untragbares Urteil einer Statik osmanischer Gesellschaftsgeschichte.

Kosmopolitische Globalgeschichtsschreibung versus nationale Exklusivität in den staatlichen Repräsentationen

In der Zusammenschau erlauben die Beiträge eine variierende Typologie von kosmopolitischer Globalgeschichtsschreibung und nationaler Exklusivität in den staatlichen Repräsentationen der vier Länder. China und Russland teilen dabei die Gemeinsamkeit einer Trennung ihrer Historiographien in Weltgeschichte (China) und Allgemeine Geschichte (Russland) auf der einen Seite sowie die eigene chinesische und russisch-russländische Geschichte auf der anderen Seite. Dabei ist jedoch in China im Gegensatz zu Russland eine ausgesprochen starke Rezeption globalgeschichtlicher Ansätze aus den USA zu beobachten. Die Staatsrepräsentationen beider Länder ähneln sich in ihrer Fokussierung auf die Wiederherstellung vergangener Größe. Sehr konträr stellt sich zu diesem chinesisch-russischem Typus die USA dar. Dort gibt es kein vormodernes Imperium, nach dessen verlorener Größe amerikanische Politik sich sehnen könnte. Zugleich lässt sich die amerikanische Historiographie nicht mit der Frage nach der Rezeption von Globalgeschichte konfrontieren, da sie sie zu wesentlichen Teilen in den 1990er Jahren entwickelt hat. In einem Zwischenfeld zwischen dem chinesisch-russischem und dem amerikanischen Typus ist die Türkei angesiedelt. Hier dient die Referenz auf ein gemeinsames osmanisches Erbe der Unterfütterung türkischer Ambitionen als Regionalmacht, ohne dass jedoch scheinbar die türkische Historiographie globalgeschichtliche Ambitionen entwickelte.

Martin Aust (München/Regensburg)

Literaturhinweise:

Petra Kolonko, Der „chinesische Traum“. Der neue Parteichef Xi Jinping skizziert sein politisches Programm, in: FAZ, 05.12.2012, Nr. 284, S. 8.

Prezident Rossii, Poslanie Federal’nomu Sobraniiu Rossijskoi Federacii, 25. April 2005: http://president.kremlin.ru/text/appears/2005/04/87049.shtml zuletzt besucht am 3. Juli 2008.

http://www.kremlin.ru/video/1733?page=8 zuletzt besucht am 12. Mai 2014.

Mark Siemons, Zeit zum Teemachen ist für China sinnlos. Das Konfuzius-Institut verändert seine globale Strategie, in: FAZ, 05.12.2012, Nr. 284, S. 27.

Zaur Gasimov, Idee und Institution. Russkij mir zwischen kultureller Mission und Geopolitik, in: Osteuropa Jg. 62, Heft 5 (2012), S. 69-80.

Karen Krüger, Türken und Araber werden eins. Der türkische Ministerpräsident Erdogan betreibt Kulturpolitik als Machtdemonstration: Seine Vision eines neuen osmanischen Reichs nimmt Gestalt an, in: FAZ, 16.09.2011, Nr. 216, S. 33.

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