Zeitschriften als Knotenpunkte der Moderne/n

01.08.2017 (09:22)

Regensburger Symposium hat Prager Zeitschriften um die Jahrhundertwende analysiert

Marek Nekula während seines Vortrags
Marek Nekula während seines Vortrags

Um die Jahrhundertwende erschienen in Prag zahlreiche literarische Zeitschriften in unterschiedlichen Sprachen. Sie wurden in verschiedenen Sprachen - Tschechisch, Deutsch, Jiddisch und Hebräisch - und teils mehrsprachig veröffentlicht. Wie diese Zeitschriften zugleich als Vermittler und Konstrukteure der Moderne(n) agierten, diskutierte vom 22. bis 24. Juni 2017 das Symposium „Zeitschriften als Knotenpunkte der Moderne/n“ in Regensburg. Organisiert hatte es Professor Marek Nekula, Principal Investigator der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien und Leiter des Bohemicum, innerhalb des internationalen Forschungsverbunds „Prag als Knotenpunkt europäischer Modernen“. Das Symposium diente zugleich als Auftaktveranstaltung des grenzüberschreitenden Forschungsverbundes „Grenze/n in nationalen und transnationalen Erinnerungskulturen“. Neben der Regensburger Hans Vielberth Universitätsstiftung hat die Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien die Veranstaltung unterstützt.

Wie der urbane Raum Prags so waren ein Teil der dort erscheinenden Zeitschriften von einer literarischen Mehrsprachigkeit geprägt. Einige von ihnen - wie die Moderni revue waren tatsächlich mehrsprachig, andere erschienen erst in der einen und später in der anderen Sprache und vollzogen somit einen Sprachwechsel. Auch Zeitschriften, die lediglich in einer Sprache erschienen, konnten sich durch ihre Themensetzung und ihre Bezugnahme auf ausländische Kulturen und Literaturen als kulturelle Knotenpunkte erweisen.

Wie Moritz Csásky (Wien) ausführte, waren zentraleuropäische Städte wie Wien und Prag als dritte Räume geprägt von Mehrsprachigkeit und der Überlappung von Kulturen. Entsprechend bildete die Frage nach dem Dreiecksverhältnis von Urbanität, Modernität und Literatur einen der Schwerpunkte des Symposiums. Insgesamt zeigte sich in den Zeitschriften die Tendenz zur Vernetzung und zur gegenseitigen internationalen Rezeption, wie die Beiträge des Symposiums verdeutlichten. So untersuchte etwa Lucie Merhautová (Prag), wie tschechische Literatur in deutschen und österreichischen Periodika verhandelt wurde. Kurt Ifkovits (Wien) sprach über die „Vermittlung tschechischer Kultur im Interesse Österreichs?“ in den Zeitschriften Die Zeit (1895-1904) und Der Friede (1918-1919).

Wie sich die Prager Zeitschrift Moderni revue Prag symbolisch mit Paris, Wien, Berlin und München vernetzte, legte Marek Nekula dar. Irina Wutsdorff (Tübingen) analysierte, wie die tschechische Avantgardegruppe Devětsil an der europäischen Moderne partizipiert. Dalibor Tureček (České Budějovice) sprach über das Verhältnis von Tradition und Moderne in den Zeitschriften um 1900 sowie  über die Verhandlung von Modernität in den Rezensionen tschechischer Zeitschriften.

Über eine misslungene Verständigung sprach Mirek Němec (Ústí n. Labem): So scheiterte 1937 die Zeitschrift für den Tschechischunterricht mit dem Anliegen, deutschsprachige Schüler für die tschechische Sprache und Kultur zu gewinnen. Über die gegenläufige Tendenz zur Verständigung und Grenzüberschreitung, nämlich die zur nationalen Abschottung, sprach Steffen Höhne (Weimar/Jena), der das nationalkulturelle kunst- und literaturpolitische Programm der Deutschen Arbeit vorstellte.

Neben Zeitschriften waren auch Anthologien ein Thema des Symposiums, da diese teilweise ähnliche Aufgaben wie die Zeitschriften erfüllten. In welchem Verhältnis sie zu den Zeitschriften standen, analysierte Veronika Tucherová (Harvard).

Um Sprache jenseits der gesprochenen und geschriebenen Sprache ging es im Beitrag von Jindřich Toman (Michigan) der die visuelle Sprache und damit vor allem Typographie und die neue Möglichkeit der Einbindung von Fotografien in das Layout in den Fokus rückte.

Daniel Vojtěch (Prag) sprach über die frühe Rezeption anthropologischer und psychologischer Ansätze, die die Zeitschriftenszene um 1900 veränderte und zugleich zum Aufbrechen von ideologischen und ästhetischen Gegensätzen beitrug. Die Bedeutung von Autorinnen legte Jiřina Šmejkalová (Lincoln) dar: Sie publizierten in auflagenstarken Zeitungen, beeinflussten die Themensetzung und prägte auf diese Weise die Moderne mit.

Den „Jüdischen Stimmen“ war ein eigenes Panel gewidmet, welches unter anderem untersuchte, wie das Verhältnis von Judentum und Moderne dargestellt wurde. Magdalena Junovà (Prag) analysierte die Zeitschrifz Rozvoj, die von einer assimilatorischen, tschechojüdischen Agenda geprägt war. Die in Brünn erscheinenden Zeitschrift Wahrheit, die Jan Budňák (Brno) vorstellte, verzichtete hingegen auf spezifisch jüdische Themen. Die ähnlich gelagerte Prager Zeitschrift mit demselben Namen stellte Štěpán Zbytovský (Prag) vor.

Die vielfältigen Beiträge des Symposiums haben verdeutlicht, dass die Zeitschriften um die Jahrhundertwende durch Erscheinungsort, Leserschaft und Autorenschaft stark an den urbanen Raum rückgebunden waren. Zugleich eröffneten sie selbst einen Raum, der über das Urbane hinauswies, einen transnationalen und ästhetischen Austausch ermöglichte und so eine national gedachte Literatur und Kultur transzendierte.

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