Graduate School for East and Southeast European Studies
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Ekaterina Makhotina: Erinnerungen an den Krieg – Krieg der Erinnerungen

Ekaterina Makhotina: Erinnerungen an den Krieg – Krieg der Erinnerungen. Litauen und der Zweite Weltkrieg

Schnittstellen. Studien zum östlichen und südöstlichen Europa - Band 4

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2017

Dieses Buch schreibt die Geschichte der litauischen Erinnerungskultur auf eine neue und unkonventionelle Art und Weise. Durch den Fokus auf die Geschichte der Gedenkstätten und Denkmale des Zweiten Weltkrieges werden vielfältige Akteure, Erinnerungspraktiken und historische Diskurse umfassend ausgeleuchtet. Hatten die ersten Kriegsdenkmale und Museen die Funktion, auf die Präsenz der Sowjetmacht hinzuweisen, wurde in den 1960er Jahren das Motiv des litauischen Heldenmutes und Widerstandes zentral. Diese Nationalisierung des Widerstandes ging auf Kosten der jüdischen Untergrundkämpfer; und auch für jüdische Opfer der Massenvernichtung während der deutschen Besatzung war in der sowjetischen Erinnerungspolitik kaum Platz. Nach dem politischen Umbruch und der Wiedererlangung der Staatssouveränität im Jahr 1990 bekam die »erlebte« Geschichte – und vor allem die Erfahrung der Opfer des stalinistischen Terrors – einen zentralen Platz in der öffentlichen Geschichtspräsentation. Fast alle Erinnerungsstätten, die mit der deutschen Besatzung im Zusammenhang standen, wurden als sowjetische Propagandastätten begriffen und beseitigt. In wenigen Fällen wurden »doppelte Gedenkstätten« eröffnet und somit die These der Gleichwertigkeit der Verbrechen des Nationalsozialismus und des Kommunismus museal gefestigt. Bestimmte Strategien der geschichtlichen Repräsentationen lassen die Opfer- und Heldendiskurse ausschließlich national deuten. Zugleich wird die staatliche Erinnerungspolitik aber durch Prozesse der Europäisierung der Erinnerung sowie die Entwicklung neuer, transnationalen Erinnerungsdiskurse herausgefordert.

Ekaterina Makhotina war 2011–2016 Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Geschichte Ost- und Südosteuropas der LMU München und ist seit April 2016 wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte der Universität Bonn.

1. Auflage 2017
478 Seiten mit 22 Abb. gebunden
ISBN 978-3-525-30090-9
Vandenhoeck & Ruprecht

Auszeichnung

Preis der Peregrinus-Stiftung (Bayerische Akademie der Wissenschaften), 2017

Aus der Laudatio: "Die Bedeutung der Untersuchung geht weit über die Schließung einer Forschungslücke hinaus, denn Untersuchungen zur Erinnerungskultur der baltischen Länder in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg sind [...] zu einer hochpolitischen Angelegenheit geworden. Ekaterina Makhotina [...] ist es gelungen, die musealen Formen des litauischen Kriegserinnerns umfassend in ihren politischen und gesellschaftlichen Kontexten zu erforschen und darüber hinaus auch zum breiteren Thema der sowjetischen Erinnerungskultur wichtige Einsichten zu vermitteln."

Rezensionen

  • Albert Caspari (Bremen) für "Baltische Stunde" (Podcast), 7. Februar 2017
  • Ingolf Seidel für Lernen aus der Geschichte, vom 22. Februar 2017
    "Makhotinas differenzierte Darstellung ist ein großes Verdienst. Sie entwirft ein kritisches Bild der sowjetischen Kriegserinnerungen, ohne in totalitarismustheoretische und somit ideologische Fallen zu geraten. Mit ihrer Analyse der postsowjetischen Diskurse und Musealisierungen bewegt sie sich auf einem geschichtspolitisch und identitätspolitisch aufgeladenen Feld. Desto wichtiger ist ihre sachliche Analyse der nationalen Vereindeutigungen litauischer Museen. Das Buch „Erinnerungen an den Krieg – Krieg der Erinnerungen“ hat auch in diesem Sinn das Potenzial, für die nächsten Jahre ein Standardwerk für die Auseinandersetzung um postsowjetische Erinnerung zu werden."
  • Ingolf Seidel für Gedenkstättenrundbrief Nr. 186 (6/2017), S. 51-54
  • Andrei Linchenko für Apparatus. Film, Media and Digital Cultures in Central and Eastern Europe Nr. 5
  • Tomaš Nenartovič für die Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung (ZfO) 67 (3), 2018
    "Der Autorin gelingt es in sieben chronologisch angeordneten Kapiteln, die Geschichte der Erinnerungskulturen
    in Litauen auf eine neue Art und Weise, und zwar aus der Perspektive der Museen, Gedenkstätten und Denkmäler, neu zu erforschen. [...] Bemerkenswert ist, wie breit M. die jüdische Thematik der Nachkriegszeit in Litauen beleuchtet; insbesondere die Geschichte des Museums und Denkmals in Paneriai (Ponary) wurde bislang nicht derart präzise erforscht. Die Monografie stellt die Entwicklung, die Umstrukturierung sowie den Um- und Abbau der Erinnerung im sowjetischen Litauen und in der Republik Litauen einleuchtend dar. Das Werk wird zukünftig sicherlich eine starke Referenz für weitere Arbeiten solcher Art bilden."
  • Christoph Dieckmann für Einsicht. Bulletin des Fritz Bauer Instituts 2018
    "Ihre konzeptionellen und methodischen Ansätze führen dazu, dass die Studie in vieler Hinsicht empirisch gesättigt erscheint, viel Neues enthält und zahlreiche Fragen aufwirft. Die heutigen erinnerungskulturellen Diskussionen in Litauen wie in jenen Gesellschaften, die zuvor dem sowjetischen Machtbereich angehörten, sind ideologisch und emotional sehr aufgeladen. Die Lektüre dieser Studie hilft zu verstehen, warum dem so ist."